Full text : Geschichte des deutsch-französischen Krieges 1870 und 1871.

8  Napoleon  III.

gier  die  preußischen  Siege  des  Jahres  1866  hervorriefen,  und  alle
Leidenschaften  wurden  ins  Ungemessene  noch  dadurch  angestachelt,  daß
diese  Siege  von  einem  State  erkämpft  wurden,  dessen  ausgesprochenes
Ziel  die  Einigung  Deutschlands,  und  dessen  Macht  und  Größe  die
Zuversicht  und  Hoffnung  aller  deutschen  Patrioten  war.  Die  ganze
französische  Nazion  gerieth  in  Fieberwallung,  wenn  sie  die  Ausbreitung
der  preußischen  Grenzen,  den  Ruhm  und  den  Glanz  der  preußischen
Königskrone  ansah.  Seit  1866  und  durch  1866  wäre  eine  jede  fran—
zösische  Regierung  zum  Kriege  gegen  Preußen  gedrängt,  unwiderstehlich
gestoßen  worden,  und  sie  hätte  der  Leidenschaft  des  Volkes  fröhnen
müssen,  oder  sie  wäre  von  dem  unruhigen  Wespenschwarm  verjagt
worden,  selbst  wenn  sie  in  allen  übrigen  Punkten  die  Simpathien
ihres  Volkes  für  sich  gehabt  hätte.

Wie  viel  mehr  mußte  dem  Kriegsrufe  gegen  Preußen  eine  Re—
gierung  folgen,  welche  so  sehr  auf  Volksgunst  basirt  war  und  bereits
auf  so  schwachen  Füßen  stand,  wie  die  bonapartistische  Herrschaft.

Ihr  Vertreter,  Louis  Napoleon  der  Dritte,  hatte  nach  einer  aben—
teuerlich  verlebten  Jugend  zweimal  den  Versuch  gemacht,  sich  des  fran—
zösischen  Thrones  mit  Gewalt  zu  bemächtigen.  Seine  Einfälle  in
Straßburg  und  Boulogne  mißglückten,  bei  dem  zweiten  dieser  Ver—
suche  im  Jahre  1840  wurde  er  gefangen  und  zum  Tode  verurtheilt,
König  Louis  Philippe  von  Frankreich  begnadigte  ihn  zu  lebensläng—
licher  Zuchthausstrafe,  welche  er  in  Ham  verbüßen  sollte.  Aber  schon
nach  6  Jahren  wußte  Louis  Bonaparte  sich  durch  die  Flucht  seiner
Haft  zu  entziehen,  und  als  König  Louis  Philippe  im  Jahre  1848
verjagt  wurde,  trat  Louis  Bonaparte  als  Bewerber  um  den  Präsidentensitz
  der  Republik  auf.  Durch  Geld  und  Veranstaltungen
mancherlei  Art  wußte  er  seine  Wahl  durchzusetzen.  Am  10.  Dezem—
ber  1848  leistete  der  neue  Präsident  den  Eid  auf  die  Verfassung  und
schwur,  die  Gesetze  der  Republik  stets  hoch  und  heilig  zu  halten  und
darüber  zu  wachen,  daß  niemand  sie  antaste.  Drei  Jahre  später  ließ
er  die  Vertreter  des  Volkes  niederschießen  oder  verjagen,  und  am
1.  Dezember  1852  ließ  er  sich  auf  Grund  der  Wahl  durch  das  Volk
als  Napoleon  der  Dritte,  Kaiser  der  Franzosen  proklamiren.

Durch  die  niedrigsten  Verbrechen  war  dieser  Mann  auf  den  Thron