Full text : Blätter für Rechtsanwendung. XIV. Band. (14)

296  Drittes  Buch.  Der  Eintritt  in  die  europäische  Politit.

den  Vollzug  des  Reverses  wegen  Schwiebus  fordern.  Immer
härter  bedrängt  und  in  wachsender  Sorge  vor  einer  Wendung,
die  den  Bruch  mit  dem  Kaiser  unvermeidlich  machen  konnte,
und  voll  Schen  vor  der  persönlichen  Bloßstellung,  die  ihm  der
Wiener  Hof  durch  Veröffentlichung  des  Handels  zu  bereiten
drohte,  legte  der  Kurfürst  endlich  Danckelmann  und  Fuchs  gegen—
über  ein  Geständnis  ab,  fand  aber  doch  nicht  den  Mut,  nach
Danckelmanns  Rat  den  Revers  als  erschlichen  für  unverbindlich
zu  erklären  und  so  mit  einem  tapferen  Entschluß,  gegen  den
man  in  Wien  nichts  hätte  thun  können,  die  Fessel  zu  zer—
reißen,  die  er  thöricht  einst  sich  selbst  angelegt  hatte.  Er  kam
nicht  hinweg  über  die  quälenden  Bedenken,  die  weniger  auf
dem  politischen  als  dem  moralischen  Gebiete  lagen.  Sie  gaben
ihn  gleichsam  in  des  Kaisers  Haud,  der  durch  neue  Türkensiege
und  durch  die  von  Brandenburg  vergeblich  bekämpfte  Wahl  des
Erzherzogs  Joseph  zum  römischen  König  zu  erdrückender  Ueber—
macht  aufstieg.  Obenein  sah  er  sich  durch  die  Alliierten  bei
den  Kontributionen  und  Winterquartieren  benachteiligt.  Den—
noch  blieb  er  der  gemeinsamen  Sache  treu,  ja  schloß  sich  im
Frühjahr  1691  der  großen  Allianz  ausdrücklich  an.  Doch  sah
er  sich  auch  in  der  Folge  trotz  der  Leistungen  seiner  Truppen
von  den  gekrönten  Häuptern  als  minderwertig  zurückgesetzt  und
um  Anerkennung  und  Lohn  gebracht.  Der  Ausgang  des  Streites
um  den  Revers  konnte  diese  Verbitterung  nur  steigern:  im
Herbst  1694  stimmte  Friedrich  der  Rückgabe  von  Schwiebus
zu,  und  zu  Beginn  des  Jahres  1695  wurde  es  „retradiert“.
Von  der  Erklärung,  daß  nun  aber  auch  die  brandenburgischen
Anrechte  auf  Schlesien  wieder  auflebten,  weigerten  sich  die
kaiserlichen  Kommissare  Akt  zu  nehmen.  Das  Vorhandensein
von  solchen  war  in  Wien  nie  anerkannt  worden.  Aber  trotz
alledem  stand  Friedrich  treu  zum  Kaiser,  namentlich  auch  in
Sachen  der  heftig  umstrittenen  hannoverschen  Kur,  die  er  aus
dynastischen  und  konfessionellen  Rücksichten  unterstützte,  während
die  Uebergriffe  der  Seemächte  Dänemark  und  Schweden  für
Frankreich  in  Waffen  zu  bringen  drohten.  Es  war  wesentlich
der  Einfluß  Wilhelms  von  Oranien,  der  Friedrich  zum  Aus—
harren  bestimmte:  dabei  wirkte  freilich  die  Hoffnung  mit,  für