Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Dreizehnter Jahrgang. 1872. (13)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Elieder.  191

verlange  nun  von  den  Bischöfen  die  ausdrückliche  Anerkennung  der  Souveränetät
  des  Staales;  eine  solche  wäre  aber  bei  Bischöfen,  die  das  Dogma  angenommen,
  ein  protestatio  facto  contraria  und  darum  ungiltig.  Wenn  die
Regierung  die  Jesuiten  ausweise,  so  sei  das  eine  Inconsequenz,  so  lange  sie
den  unfehlbaren  Papst  selbst  und  die  von  ihm  abhängigen  Bischöfe  anerkenne.
Der  Staat  müsse  erklären:  er  könne  die  Gemeinschaft,  die  das  vaticanische
Dogma  anerkenne,  nicht  mehr  als  die  katholische  Kirche  ansehen,  weil  durch
das  neue  Dogma  der  Glaube  geändert  worden.  Wer  von  dem  Staate  die
Erfüllung  der  Verpflichtungen  fordere,  die  er  gegenüber  der  katholischen  Kirche
eingegangen,  der  müssse  sich  als  katholische  Kirche  legitimiren;  das  könnten  jetzt
Papst  und  Bischöfe  nicht,  weil  sie  den  alten  katholischen  Glauben  verlassen.
Eine  entschiedene  Stellung  nehme  der  Staat  bis  jetzt  noch  nicht  ein,  weniger
aus  juristischen  Bedenken,  als  aus  Furcht  vor  den  Gefahren  eines  Kampfes
mit  der  katholischen  Kirche.  Aber  es  handelt  sich  gar  nicht  um  einen  Kampf
mit  der  katholischen  Kirche,  und  zwischen  der  vaticanischen  Kirche  und  dem
Staate  sei  der  Kampf  längst  entbrannt.  Der  preußischen  Regierung  habe  bis
jetzt  auf  diesem  Gebiete  ein  Moltke  gefehlt;  in  Hrn.  v.  Schulte  könne  sie  einen
solchen  finden.  Professor  Reinkens:  Die  Gegner  wünschten,  daß  die  Bewegung
  im  Sande  verlaufen  möge.  Sie  habe  indeß  jetzt  schon  eine  zu  große
Bedeutung  für  Religion  und  Staat,  als  daß  sie  je  im  Sande  verlaufen  könnte.
Der  Wiedergeburt  der  Kirche  stünden  Hindernisse  entgegen,  aber  keines  derselben
sei  unüberwindlich.  Ein  Haupthinderniß  sei  die  Veräußerlichung  Derjenigen,
für  die  der  Papst  die  Stelle  des  Gewissens  vertrete.  Diese  Unselbstständigkeit
des  Gewissens  beherrsche  auch  den  Clerus;  die  daraus  erwachsende  Unklarheit
habe  viele  Geistliche  und  selbst  Bischöfe,  wie  Hefele  und  Haneberg,  abgehalten,
der  Wahrheit  Zeugniß  zu  geben.  Ein  weiteres  Hinderniß  sei  die  nicht  zu
controlirende  unheilvolle  Macht  der  unterworfenen  Priester  im  Beichtstuhl  über
die  Fraueu.  (Stürm.  Beifall.)  Dann  komme  das  materielle  Interesse
in  Frage,  welches  vor  Allem  bei  der  schmachvollen  Unterwerfung  der  Geistlichkeit
  eine  große  Rolle  gespielt.  Ein  weiteres  Hemmniß  sei  die  Unwissenheit  und
die  Gleichgiltigkeit  gegen  die  Wahrheit.  Das  Haupthinderniß  aber  bestehe  in
dem  bösen  Beispiel  und  dem  AMergerniß,  welches  die  deutschen  Bischöfe  dadurch
gegeben,  daß  sie  ihre  feierli  tsten  Versprechungen,  Erklärungen  und  Protestationen
  vergessen  hätten,  sowie  in  der  Haltung  der  Regierungen,  welche  durch
falsche  Nachgiebigkeit  in  den  letzten  Decennien  den  Ultramontanismus  groß
gezogen  und  jetzt,  von  der  kirchlichen  Krisis  Überrascht,  noch  nicht  die  rechte
Stellung  und  die  rechte  Einsicht  zu  finden  wüßten.  Trot  dieser  Hindernisse
dürfe  man  nicht  verzagen,  der  endliche  Sieg  der  Wahrheit  sei  unzweifelhaft.
Prof.  v.  Schulte:  Er  müsse  das  Geständniß  wiederholen,  daß  er  Jahre
lang  der  Kirche  Christi  zu  dienen  geglaubt  und  ein  System  vertheidigt,  das
er  später  als  ein  Zerrbild  der  Kirche  Christi  erkannt  habe.  Von  der  Geburt
bis  zum  Tode  werde  der  Katholik  von  der  Hierarchie  und  dem  Clerus  ausgebeutet.
  Das  Resultat  dieses  religiösen  Systems  von  Mißbräuchen  sei  die
Werkheiligkeit  und  die  absolute  Ahhängigkeit  von  Clerus  und  Hierarchie.  Der
Ultramontanismus  sei  ein  grundsätzlicher  Gegner  der  staatlichen  und  nationalen
Rechte;  die  Ultramontanen  aller  Länder  gingen  Hand  in  Hand  miteinander.
Die  Bischöfe  hätten  sehr  klar  erkannt,  daß  das  ultramontane  System,  welches
in  der  Infallibilität  gipfele,  mit  den  Rechten  des  Staates  nicht  vereinbar  sei,
gleichwohl  aber  suchten  sie  jetzt  die  Infallibilität  durchzusetzen.  In  der  letzten
Delegirtensitzung  hebt  Präsident  v.  Schulte  nochmals  hervor,  daß  auch
die  Wiedervereinigung  mit  den  deutschen  Protestanten  angestrebt  werde,  wenngleich
  bis  jetzt  nur  Vertreter  der  englischen  und  russischen  Kirche  geredet  hätten.
Er  gebe  nun  einem  Mitgliede  der  evangelischen  Kirche,  Geheimrath  Bluntschli
aus  Heidelberg  das  Wort,  erwähne  aber,  daß  der  Congreß  damit,  daß  ein
Vertreter  einer  bestimmten  Richtung  der  protestantischen  Kirche  rede,  nicht  eben
dieser  Richtung  speciell  sich  annähern  wolle.  Prof.  Bluntschli  bezeichnet  es