Bismarck und Goltz. 449
Unmittelbar darauf hatte Goltz auch eine Unterredung mit dem Kaiser
selbst.: Napoleon erklärte ihm, er habe sich ein großes Verdienst um sein Land
dadurch erworben, daß er ausdrücklich berichtet habe, Frankreich werde nur
so lange neutral bleiben, als es sich um Schleswig-Holskein handle. Unmöglich
könne er sich für alle Fälle im voraus binden. Er wünsche durchaus, daß
Preußen sich vergrößere und von fremdem Einfluß frei werde; aber man könne
die Haut des Bären nicht eher verkaufen, als man ihn habe. Als Goltz dann
die Außerung des Ministers anführte, daß auch bei größeren Verwicklungen
eine Verständigung mit Preußen leichter sein werde, als eine solche mit Österreich,
bestätigte der Kaiser dies, bekonte aber wieder, daß der Vertrag von
Gastein ihn sehr peinlich berührt habe. Goltz fragte dann, ob Preußen wieder
auf eine wohlwollende Haltung Frankreichs rechnen dürfe, wenn der Konflikt
mit Österreich sich erneuern sollte? Der Kaiser sicherte dies zu, beklagte aber,
daß Preußen sich nicht seinem überlieferten Beruf gemäß an die Spitze der
nationalen Bewegung in Deutschland stelle und durch Verkündung eines
liberalen und nationalen Programms die liberalen Elemente in Deutschland
un seine Fahne sammle; dann würden alle Zänkereien aufhören, die Frage der
Herzogtümer in den Hintergrund kreten und vielleicht ein Krieg vermieden
werden können.
Bismarck nahm aus diesem Bericht Anlaß, den Botschafter nochmals anzuweisen,
sich an die am 4. August erteilten Befehle genau zu halten, „sich
von der eventuellen Haltung Frankreichs und des Kaisers persönlich nach
Möglichkeit in Kenntnis zu halten, für amkliche Eröffnungen aber den Einkritt
der Eventualitäten abzuwarken, die ich oben angedeutet habe“. Er
tümer allein beschränkt worden sei. Für den von der Kaiserlichen Regierung selbst als wahrscheinlich
ins Auge gefaßten Fall, daß der Kampf größere Dimensionen annehmen und weitere
Objekte umfassen möchte, nehme der französische Minister der Auswärtigen Angelegenheiten
Anstand, eine gleiche Haltung unbedingt zu versprechen. Nur das war ich am 2o. zu telegraphieren
und in einem E. E. erst vor 2 oder 3 Tagen zugegangenen Berichte näher auszuführen
in der Lage, daß sich auch in jenem Falle die Kaiserliche Regierung mit uns zu verständigen
hoffe, ohne Preußen eine Gebietsabtretung zuzumuten. E. E. muß ich bekennen,
daß gerade diese vorsichtige Sprache mein Vertrauen in die loyalen Absichten des Kaisers
Napoleon befestigt hat. Hätte man mir eine günstige Haltung unbedingt und ohne jede
Gegenleistung selbst für den Fall versprochen, daß Preußen ganz Deutschland oder auch nur
Norddeutschland erobern sollte, so würde ich hierin das Bestreben, uns zu einem Konflikt zu
ermutigen, den man zu seinen Nutzen ausbeuten wolle, geargwöhnt und dem zu weit gehenden
Versprechen nicht den geringsten Wert beigelegt haben.“
1 Sybel 4, 200 f.
2 Der Kaiser beabsichtigte mit dieser Wendung wohl nur, eine Außerung darüber hervorzulocken,
ob Preußen derartige Pläne habe. Daß die Verkündung einer nationalen und liberalen
Politik durch Preußen sicherer als der Streit um die Herzogtümer zum Bruch mit Österreich
führen müsse, erkannte er natürlich ebensogut wie Bismarck.
Brandenburg, Untersuchungen. 20