Contents : Hand- und Lehrbuch der Staatswissenschaften. Erste Abteilung VIII. Band. Geld und Banken. I. Teil Das Geld. (1_8)

2.  Kapitel.  Die  Entwicklung  der  Geldsysteme.  &  6.  65

Der  nicht  erneuerungsfähige  Umlauf  von  Silbermünzen  unterlag
einer  immer  stärkeren  Abnutzung  bis  zur  gänzlichen  Unkenntlichkeit
des  Gepräges.  Der  effektive  Silbergehalt  dieser  Münzen  sank  beträchtlich
  unter  den  Gehalt,  welcher  bei  dem  damaligen  Marktpreise  des
Silbers  ihrem  Werte  in  Goldgeld  entsprochen  hätte;  während  sie  in
ihrem  gesetzlichen  Feingehalte  nach  wie  vor  unterwertet  waren,
war  ihr  tatsächlicher  Feingehalt  geringer,  als  ihrer  gesetzlichen
Geltung  und  ihrer  Tarifierung  in  Goldgeld  entsprach;  sie  waren  durch
die  Abnutzung  aus  einem  unterwerteten  zu  einem  unterwertigen  Gelde
geworden.  Um  nun  niemanden  zu  zwingen,  ein  solches  Geld,  dessen
Materialwert  geringer  war  als  sein  Nennwert,  unbeschränkt  in  Zahlung
nehmen  zu  müssen,  bestimmte  ein  Gesetz  vom  Jahre  1774.  daß  den
Silbermünzen  für  Summen  von  mehr  als  25  Pfd.  Sterl.  gesetzliche
Zahlungskraft  nur  noch  nach  dem  Gewichte  (zum  Satze  von  5  sh.  2d
pro  Unze)  zustehen  sollte.  !)

Dadurch  hatte  die  gesetzliche  Doppelwährung  eine  wesentliche
Modifikation  erfahren:  die  volle  gesetzliche  Zahlungskraft  der  Silbermünzen
  war  beschränkt,  ihre  formelle  Gleichberechtigunr  mit  den
Goldmünzen  war  aufgehoben.  Freilich  hatte  schon  vorher  bei  dem
Mangel  an  $Silbergeld  niemand  Silbermünzen  zu  größeren  Zahlungen
verwendet,  so  daß  diese  formelle  Modifikation  tatsächlich  keine  Änderung
brachte.

Immerhin  war  auch  nach  1774  das  Silbergeld  wenigstens  naclı
dem  Gewichte  volles  gesetzliches  Zahlungsmittel.

Die  endgültige  Preisgabe  der  Doppelwährung  erfolgte  erst  am
Ende  des  18.  Jahrhunderts  und  wurde  verursacht  durch  eine  neue
Verschiebung  des  Wertverhältnisses  der  beiden  Edelmetalle.

Im  letzten  Viertel  des  18.  Jahrhunderts  zeigte  sich  eine  allmähliche
  Entwertung  des  Silbers  gegenüber  dem  Golde.  Das  durchschnittliche
  Wertverhältnis  beider  Metalle  war  1771—1780  1:14,64;
es  trat  dann  eine  Änderung  zugunsten  des  Goldes  ein;  in  den  90  er
Jahren  wurde  das  gesetzliche  Wertverhältnis  der  englischen  Währung
1:15,2  erreicht  und  schließlich  sogar  überschritten.

Damit  kam  die  entscheidende  Wendung.  Die  Ausprägung  von
Silber,  die  bisher  nur  unter  Verlusten  möglich  gewesen  war,  fing  'an
lohnend  zu  werden,  und  die  Ausprägung  von  (sold,  die  bisher  lohnend
gewesen  war,  begann  nur  noch  unter  Verlusten  möglich  zu  sein;  dasegen
  konnten  die  Edelmetallhändler,  die  bisher  vollwichtige  Silbermünzen
  eingeschmolzen  hatten,  jetzt  mit  der  Einschmelzung  von  Goldi)

  Um  die  Knarr  sche  Terminologie  zu  gebrauchen:  die  Silbermünzen  hatten
als  morphisch-proklamatorisches  Zahlungsmittel  gesetzliche  Zahlkraft  nur  bis  zum
Betrage  von  25  Pfd.-Sterl.,  darüber  hinaus  hatten  sie  zwar  auch  noch  gesetzliche  Zahlkraft
  aber  als  morphisch-pensatorisches  Zahlungsmittel.

HELFFERICH,  Das  Geld.  R}