Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Beutsches  Reich.  (Juli  27.  28.)  729

von  Kalisalzen,  e.  Bek.  über  die  Errichtung  von  Schuhhandelsgesellschaften
und  e.  Bek.  über  Druckfarbe.

27.  Juli.  Fürsorge  der  Kaiserin  für  die  weibl.  Heimarmee.

Die  Kaiserin  richtet  an  den  Chef  des  Kriegsamtes  Groener  ein
Schreiben,  in  dem  sie  mit  größter  Bewunderung  und  Anteilnahme  der
in  den  kriegswirtschaftlichen  Betrieben  in  schwerer,  aufopferungsvoller
Arbeit  tätigen  Tausenden  von  Frauen  und  Mädchen  gedenkt  und  erklärt,
es  liege  ihr  ganz  besonders  am  Herzen,  daß  kein  Mittel  unversucht  bleibt,
um  die  weibliche  Heimarbeiterin  ihrer  schweren.  Arbeit  und  Sorge
zu  entlasten.  Sie  spricht  die  bestimmte  Erwartung  aus,  daß  der  „Nationale
Ausschuß  für  Frauenarbeit  im  Kriege“  und  die  sämtlichen  angeschlossenen.
Organisationen  sowie  die  deutschen  Unternehmer  auch  in  Zukunft  unter
Zurückstellung  von  Sonderinteressen  alles  daransetzen  werden,  um  die  Maßnahmen
  der  Kriegsamtsstelle  zum  Schutze  von  Leben,  Gesundheit  und  Sittlichkeit
  der  Frauen  und  Kinder  mit  allen  Kräften  zu  fördern.

28.  Juli.  Der  Kaiser  an  die  Westarmeen.

Kaiser  Wilhelm  sendet  dem  Generalfeldmarschall  v.  Hindenburg
folgendes  Telegramm:  Von  den  Schlachtfeldern  Galiziens,  auf  denen
unsere  Truppen  sich  in  rastlosem  Vorstürmen  Lorbeeren  erwerben  und  Erfolg
an  Erfolg  reihen,  gedenke  Ich  dankbaren  Herzens  der  unvergeßlichen  Taten
Meiner  Westarmeen,  die  in  opfermutigem,  zähem  Ausharren  den  Feind
abwehren  und  von  deren  angriffsfreudigem  Geist  der  gestrige  Tagesbericht
wieder  Zeugnis  ablegt.  Insbesondere  gedenke  Ich  der  tapferen  Truppen
in  Flandern,  die  schon  Wochen  im  schwersten  Artilleriefeuer  stehen  und
unverzagt  den  kommenden  Stürmen  entgegensehen.  Mein  Vertrauen  ist  bei
ihnen  wie  das  des  ganzen  Vaterlandes,  dessen  Grenzen  sie  gegen  eine  Welt

von  Feinden  verteidigen.  Gott  mit  uns!  Wilhelm  I.  R.
W.  Juli.  Der  Reichskanzler  über  Englands  und  Frankreichs
Eroberungsgelüste.

Reichskanzler  Dr.  Michgelis  macht  bei  einem  Empfang  einer  größeren
Anzahl  von  Pressevertretern  folgende  Ausführungen:  Ich  habe  Sie
nicht  nur  deshalb  hierher  gebeten,  weil  ich  von  vornherein  beim  Antritt
meines  neuen  Amtes  deutlich  bekunden  möchte,  wie  hoch  ich  die  weltpolitische
  Bedeutung  der  Presse  bewerte  und  wieviel  mir  daran  liegt,  ihr
enges,  vertrauensvolles  Zusammenwirken  mit  der  Reichsregierung  zu  Hchern.
Meine  Einladung  hat  auch  noch  einen  unmittelbaren,  greifbaren  Anlaß.

Die  Rede  des  engl.  Ministerpräsidenten  Lloyd  George  vom  21.  Juli
in  der  Queenshall  (s.  Großbr.)  und  die  letzten  Verhandlungen  im  engl.
Unterhause  haben  aufs  neue  mit  unwiderleglicher  Deutlichkeit  bewiesen,  daß
Großbritannien  keinen  Frieden  der  Verständigung  und  des  Ausgleichs,
sondern  nur  einen  solchen  Abschluß  des  Krieges  will,  der  die  völlige  Unterwerfung
  Deutschlands  unter  die  gewaltsame  Willkür  seiner  Feinde  bedeuten
würde.  Eine  weitere  Bestätigung  für  diese  Tatsache  ist  der  Umstand,  daß
der  engl.  Minister  Carson  kürzlich  in  Dublin  erklärt  hat,  Verhandlungen
mit  Deutschland,  welcher  Art  sie  auch  seien,  könnten  erst  beginnen,  wenn
die  deutschen  Truppen  über  den  Rhein  zurückgezogen  worden  seien.  Bonar
Law  hat  auf  die  Anfrage  Kings  zwar  diese  Erklärung  insofern  abgemildert,
als  er  den  Standpunkt  der  engl.  Regierung  dahin  festlegte,  Deutschland
müsse  sich,  wenn  es  den  Frieden  verlange,  vor  allem  bereit  erklären,  das
besetzte  Gebiet  zu  räumen.  Wir  haben  indessen  greifbare  Unterlagen  dafür,
daß  die  Regierungen  unserer  Feinde  durchaus  der  von  Carson  so  unvor-