Volltext : Der Fehlspruch von Versailles.

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im  Juli  1888  in  Peterhof  abstattete.  Vorher  schon  weist  Baron  Greindl
darauf  hin!),  daß  der  Kaiser  Rußland  gegenüber  dieselben  Empfindungen
hege  wie  sein  Großvater;  auch  der  Kanzler,  der  vor  allem  den  Frieden
bewahren  wolle,  wünsche  eine  Verbesserung  der  Beziehungen.  Deutschland
  werde  nach  einer  Äußerung  Bismarcks  im  Orient  eine  Politik  zu  verfolgen
  suchen,  als  wenn  der  Dreikaiserbund  noch  bestände.  Greindl
begleitet  die  auf  Erhaltung  des  Friedens  abzielenden  Bestrebungen
Deutschlands  mit  den  wärmsten  Wünschen,  macht  aber  doch  schon  darauf
aufmerksam,  daß  Deutschland  bei  der  scharfen  Gegensätzlichkeit  der
russischen  und  österreichischen  Bestrebungen  im  Orient,  wenn  es  von
den  Worten  zu  Taten  komme,  zwischen  der  Freundschaft  der  beiden
Mächte  wählen  müsse.  Leider  sei  der  Zar  in  der  Führung  seiner
äußeren  Politik  nicht  frei;  er  dürfe  die  panslawistische  Partei
nicht  außer  acht  lassen,  und-diese  verhindere  eine  engere  Annäherung
zwischen  den  beiden  Kaiserreichen  des  Nordens.  Deutschland  habe
Rußland  viel  vorzuwerfen:  die  Unterdrückung  der  katholischen  und
protestantischen  Kirchen,  die  Maßnahmen  gegen  die  deutsche  Sprache,
das  Verbot  deutschen  Gutsbesitzes  in  Rußland,  die  Absperrung  deutscher
Arbeiter,  deutscher  Banken  und  deutscher  Waren.  ‚Die  Macht  der  Dinge,
die  viel  stärker  ist  als  der  Wille  der  Herrscher  und  der  Kabinette,  die  .
wirksamer  ist  als  die  Verträge,  wird  Deutschland  nötigen,  die  sichere
Freundschaft  Österreichs  einem  zweifelhaften  Bündnisse  mit  Rußland
vorzuziehen,  trotz  der  Vorteile,  die  Deutschland  im  Interesse  der  deutschen
Einheit  aus  der  Auflösung  des  österreichischen  Kaiserreiches  erhoffen
könnte.‘“  Hier  wird  zum  ersten  Male  das  Grundproblem  der  deutschen
Bündnispolitik  gestreift,  und  wir  erkennen  die  ihr  obliegende  ungeheuere
Schwierigkeit,  zwischen  den  dauernd  widerstrebenden  Interessen  der
beiden  osteuropäischen  Kaiserreiche  von  Fall  zu  Fall  Deutschlands
Haltung  zu  bestimmen.

Greindl  hält  also  eine  dauernde  Freundschaft  Deutschlands  mit
beiden  Mächten  für  eine  Unmöglichkeit.  Ließen  sich  diese  Gegner  versöhnen,
  so  sei  kein  dunkler  Punkt  mehr  im  Norden,  meint  er  in  einem
ausführlichen  Berichte  vom  30.  Juni  18882).  Aber  eine  solche  Möglichkeit
bestehe  nicht,  und  komme  es  zum  Kampfe,  so  müsse  Deutschland  sich
auf  Österreichs  Seite  stellen.  Jetzt  sei  im  August  1887  angesichts  der
auffallenden  russischen  Rüstungen  der  Friede  nur  dadurch  zu  erhalten
gewesen,  daß  Bismarck  das  Wiener  Kabinett  zu  energischen  Maßregeln
veranlaßte.  „Auf  die  Dauer‘,  meint  Greindl,  ‚ist  es  unmöglich,  den
Ausbruch  von  Feindseligkeiten  zwischen  zwei  benachbarten  Staaten  zu
verhindern,  die  fast  gleich  stark  sind,  und  deren  Interessen  gegeneinander
laufen“).  Unablässig  weise  Bismarck  Österreich  darauf  ihn,  daß  der
Bündnisfall  nur  gegeben  sei,  wenn  Rußland  zum  Angriff  schreite;  zugleich
versuche  er  im  Orient  eine  Teilung  der  Interessengebiete  beiden  Kaiser-—,—



1)  Berlin,  23.  Juni  1888,  Bd.  V,  S.  230/231.
2)  Bd.  V,  S.  232  ff.
s)  Bd.  V,  S.  233.

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