Full text : Europäischer Geschichtskalender. Vierzehnter Jahrgang. 1873. (14)

580  Nebersicht  der  Ereignisse  des  Jahres  1873.

Deutschland  mit  Rußland  und  Oesterreich  auf  vertrautem  Fuße  stand,
herrschte  noch  zwischen  den  beiden  letzteren  selber  seit  dem  Krimkriege  eine
Spannung,  die  mit  Rücksicht  auf  die  orientalische  Frage  nicht  ohne
Gefahr  für  Europa  war.  Dem  deutschen  Reichskanzler  gelang  es,
auch  diesen  Stein  eines  möglichen  Anstoßes  für  den  dauernden  Frieden
aus  dem  Wege  zu  räumen.  Im  Herbst  1872  kamen  die  beiden
Kaiser  von  Oesterreich  und  Rußland  beim  Kaiser  Wilhelm  in  Berlin
zusammen.  Damit  war  wenigstens  das  Eis  gebrochen  und  seither  hat
sich  auch  zwischen  diesen  beiden  Herrschern  ein  entschieden  freundliches
Verhältniß  und  zugleich  zwischen  den  Regierungen  eine  Art  Ausgleich
  oder  Verständigung  über  ihre  gegenseitigen  Interessen  bezüglich
5  der  orientalischen  Frage  angebahnt,  die  Europa  auch  von  dieser  Seite
auf  längere  Zeit  Ruhe  und  Frieden  zu  sichern  scheint.
Die  sean-  Im  Jahre  1873  nun  fand  der  deutsche  Reichskanzler  Gelegenwlun
  heit,  auch  im  Norden  anzuknüpfen.  König  Karl  XV.  von  Schweden
Neiche  und  Norwegen  war  im  Jahr  vorher  gestorben  und  an  seine  Stelle
*  sein  jüngerer  Bruder  Oscar  getreten.  Der  verstorbene  König  war  ein
E  entschiedener  Freund  Frankreichs  gewesen  und  so  lange  er  lebte,  bestand
eine  gewisse  Spannung  zwischen  Deutschland  und  Schweden,  obgleich
in  Wahrheit  zu  derselben  gar  kein  vernünftiger  Grund  vorlag.  Der
neue  König  Oscar  dagegen  war  entschieden  deutschfreundlich  gesinnt
und  der  deutsche  Reichskanzler  ergriff  denn  auch  die  erste  Gelegenheit,
um  mit  dem  stammverwandten  Lande  in  bessere  Beziehungen  als  bisher
  zu  treten.  Im  August  1873  machte  der  Kronprinz  des  deutschen
Reichs  und  von  Preußen  mit  einem  ansehnlichen  Geschwader  dem  König
Ogscar  gelegentlich  seiner  feierlichen  Krönung  in  Norwegen  einen  Besuch
und  gleich  darauf  auch  in  Stockholm.  Er  wurde  nicht  nur  von  der
königlichen  Familie,  sondern  auch  von  den  Bevölkerungen  beider  Schwesterreiche
  mit  Achtung  und  Freundlichkeit  ausgenommen;  seither  aber
ist  das  Verhältniß  zur  schwedischen  Regierung  ein  ganz  anderes.  Und
diese  Wandlung  hatte  auch  augenblicklichen  Einfluß  auf  Dänemark.
Auf  seinem  Rückwege  von  Stockholm  suchte  nämlich  der  dänische  Kronprinz
  den  deutschen  Kronprinzen  auf,  um  ihn  aufs  freundlichste  auch
nach  Kopenhagen  einzuladen,  welcher  Einladung  der  letztere  natürlich
folgte.  Ohne  Zweifel  wird  die  Zeit  kommen,  wenn  sie  auch  gegenwärtig
  noch  nicht  abzusehen  ist,  wo  das  Verhältniß  Deutschlands  auch
zu  Dänemark  ein  freundschaftliches  wird  und  wohl  auch  bezüglich  Nord-