Full text : Europäischer Geschichtskalender. Vierzehnter Jahrgang. 1873. (14)

Aebersicht  der  Ereignisse  des  Jahres  1873.  531

schleswigs  ein  für  beide  Theile  befriedigendes  Abkommen  wird  getroffen
werden.  Aber  erzwingen  werden  die  Dänen  gegenüber  Deutschland
nichts;  davon  haben  sie  sich  bereits  überzeugen  können  und  werden  sie
sich  überzeugen  müssen,  so  weit  es  bei  ihnen  noch  nicht  der  Fall  ist.  Das
Princip  der  Nationalität  ist  in  der  modernen  Entwickelung  der  Völker
und  Staaten  ein  gewichtiges  Moment  und  als  solches  auch  anerkannt.
Allein  es  ist  kein  absolutes  und  so  sicher  es  ganz  falsch  wäre,  wenn
Deutschland  auch  nur  im  entferntesten  darauf  ausginge,  sein  Volksthum
  überall  geltend  machen  und  alles  annectiren  zu  wollen,  was
deutsch  ist,  so  wird  sich  auch  Dänemark  Deutschland  gegenüber  bescheiden
  müssen.  Nicht  Dänemark  ist  in  der  Lage,  Forderungen  zu
stellen,  sondern  Deutschland.  Mit  Ausnahme  der  festen  Stellung  im
Sundewitt  hat  Deutschland  keine  Ursache,  an  jenen  in  der  That  unbedeutenden
  Landstrichen  festzuhalten.  Aber  die  Dänen  kehren  die
natürliche  Sachlage  völlig  um,  wenn  sie  meinen:  erst  sollen  die  Deutschen
  uns  Nordschleswig  zurückgeben,  dann  wollen  wir  ihnen  gute
Freunde  sein.  Das  Gegentheil  ist  vielmehr  zwingend:  erst  wenn
Dänemark  sich  fest  an  Deutschland  anschließt,  was  es  kann,  ohne  auf
seine  Selbständigkeit  im  mindesten  zu  verzichten,  wird  Deutschland  ihm
aus  freien  Stücken  und  mit  Vertrauen  überlassen  können,  wozu  es  ihm
gegenüber  in  keiner  Weise,  auch  durch  den  Prager  Frieden  nicht,  verpflichtet
  ist.  Die  Dinge  scheinen  übrigens,  nach  einzelnen  Symptomen  zu
schließen,  auf  dem  besten  Wege  zu  sein,  nur  wird  es  so  schnell  jedenfalls
  nicht  gehen.  Genug  daß  ein  besseres  Verhältniß  zwischen  Deutschland
  und  den  scandinavischen  Staaten  überhaupt  angebahnt  ist;  es
weiter  zu  pflegen,  ist  zunächst  Sache  der  Diplomatie  und  man  darf
überzeugt  sein,  daß  der  Reichskanzler  nichts  versäumt,  das  Begonnene
weiter  zu  führen.

Wichtiger  für  den  Moment  und  folgenreicher  für  die  Zukunft  Italien
war  die  entschiedene  Annäherung  Italiens  an  Deutschland:  dieselbe  r*“#
bildet  für  das  Jahr  1873  einen  wahren  Triumph  der  Diplomatie  Teutschdes
  Fürsten  Bismarck.  Wenn  Italien  die  Befreiung  vom  österreichi-  land.
schen  Joche  und  die  Grundlagen  seiner  Einheit  Frankreich  und  Napoleon
  III.  verdankt,  so  verdankt  es  Venetien  und  Rom  d.  h.  den  Ausbau
dieser  Einheit  ausschließlich  den  Waffen  Preußens  und  Deutschlands
und  zwar  theilweise  gegen  den  Willen  Frankreichs.  Napoleon  und  Ptakien
die  öffentliche  Meinung  Frankreichs  gingen  bezüglich  Italiens  eigentlich  nise  u

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