Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

Vertrag  von  Reichenbach.  111

wir  schließen  konnten.“  Der  Tod  Joseph's  II.  wurde  für  Preußens  deutsche
Politik  ebenso  unheilvoll  wie  einst  der  Tod  Karl's  VII.  Joseph's  kluger
Nachfolger  rettete  die  Machtstellung  Oesterreichs  im  Reiche,  indem  er  die
orientalischen  Pläne  seines  Bruders  aufgab;  er  empfing  —  so  gestand
er  selber  —  die  Kaiserkrone  ohne  jede  Bedingung  als  ein  großmüthiges
Geschenk  aus  der  Hand  des  Königs  von  Preußen.  Oesterreichs  diplo—
matische  Niederlage  gereichte  allein  der  Türkei  und  den  Seemächten  zum
Vortheil;  die  Pforte  wurde  durch  Preußens  Dazwischentreten  von  einem
gefährlichen  Gegner  befreit,  die  hartconservative  orientalische  Politik  Eng—
lands  verdankte  der  Ueberklugheit  Hertzberg's  einen  leichten  Triumph.  Der
Berliner  Hof  aber  sah  binnen  Kurzem  die  Lage  der  Welt  zu  seinem  Nach—
theil  verändert.  Die  aufsässigen  Kronlande  wurden  durch  Leopold's  ge—
wandte  Nachgiebigkeit  zum  Gehorsam  zurückgeführt,  durch  seine  florenti—
nische  Geheimpolizei  in  Ruhe  gehalten;  in  Polen  errang  Oesterreich  bald
beherrschenden  Einfluß;  Schweden  schloß  einen  nachtheiligen  Frieden  mit
Rußland;  England  versagte  offen  seine  Mitwirkung  zu  Hertzberg's  polnischen
Plänen.  Und  vor  Allem,  der  Reichenbacher  Vertrag  war  der  Tod  des
Fürstenbundes,  war  das  Ende  der  deutschen  Politik  des  großen  Königs.
Die  kleinen  Fürsten  traten  jetzt,  da  sie  in  Berlin  den  stolzen,  gebieterischen
Willen  vermißten  und  von  Leopold's  Mäßigung  nichts  mehr  zu  fürchten
hatten,  einer  nach  dem  andern  in  ihre  natürliche  Parteistellung  zurück;
sie  versöhnten  sich  mit  Oesterreich,  der  Fürstenbund  verschwand  spurlos,
nicht  einmal  eine  ernstliche  Reform  der  Wahlcapitulation  ließ  sich  erreichen.
Die  letzte  günstige  Stunde,  da  Preußen  die  heillose  Wirrniß  der  Reichspolitik
  vielleicht  noch  lichten  konnte,  war  unwiederbringlich  verloren;  führerlos
  schwankte  das  unförmliche  deutsche  Gemeinwesen  der  Vernichtung  durch
fremde  Gewalt  entgegen.  Karl  August  klagte  bitter  über  den  Schlummergeist
  der  Deutschen,  der  dies  Chaos  für  das  unantastbare  Ideal  einer  guten
Verfassung  halte;  und  derweil  im  Westen  schon  das  Unwetter  heraufzog,
das  die  gesammten  alten  Formen  der  europäischen  Welt  zu  zerstören  drohte,
faßte  der  wohlmeinende  Kurfürst  von  Köln  die  Herzenswünsche  des  deutschen
  hohen  Adels  für  die  Zukunft  des  Vaterlandes  in  den  Worten  zusammen:
  „Wir  brauchen  einen  friedlichen  Kaiser,  der  das  deutsche  Wesen
nothdürftig  zusammenhält;  aber  den  Kleinen  muß  man  die  Illusion  lassen,
als  ob  sie  auch  an  der  Maschine  mitzögen.“  Auch  dem  Volke  fehlte  jedes
Verständniß  für  den  Ernst  der  Zeit.  Einzelne  geistreiche  Publicisten,  wie
Georg  Forster,  priesen  den  Triumph  der  preußischen  Staatskunst,  ihre
Unterlassungssünden  bemerkte  Niemand.  Die  Masse  der  Nation  freute
sich  harmlos  des  wiederhergestellten  Friedens;  als  der  König  während  der
Reichenbacher  Verhandlungen  einmal  der  modischen  Naturschwärmerei
seinen  Zoll  zahlte  und  den  Gipfel  der  Heuscheuer  erkletterte,  da  errichteten
  ihm  die  treuen  Schlesier  droben  auf  dem  Grenzgebirge  ein  Denkmal
voll  warmer  Dankesworte:  „Den  Frieden  wahrt  sein  sichrer  Schild!“