Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

Friede  von  Campo  Formio.  165

und  die  Führerstellung  unter  den  romanischen  Völkern  sichern;  nach  un—
mittelbarer  Beherrschung  des  Welttheils  strebte  sie  nicht.  Jener  Unersätt—
liche  aber,  der  jetzt  in  Italien  seinen  byzantinischen  Hof  hielt,  die  eroberten
Gebiete  nach  Gefallen  zu  Vasallenstaaten  zusammenballte,  jeden  Wider—
spruch  des  Directoriums  bald  durch  Drohungen  bald  durch  reiche  Beute—
sendungen  beschwichtigte,  war  ein  Mann  ohne  Vaterland.  Als  Jüngling
hatte  er  einst  für  die  Befreiung  seiner  italienischen  Heimath  geschwärmt,
doch  seine  frühreife  Weltklugheit  überwand  die  jugendlichen  Träume  schnell;
unbedenklich  trat  er  bei  den  Eroberern  Corsicas  in  Dienst,  weil  er  einsah,
daß  die  Auflösung  aller  alten  Ordnung  in  dem  revolutionären  Frankreich
hier  der  höchsten  Begabung  die  höchsten  Erfolge  verhieß.  Nun  fühlte  er
sich  als  den  geborenen  Herrscher,  in  der  Kraft  des  Wollens  und  Voll—
bringens  allen  anderen  Sterblichen  überlegen.  Er  schwelgte  in  dem  Hoch—
gefühle  der  einzigen  Größe  dieser  Zeit,  die  das  Unmögliche  zu  ermöglichen
schien,  und  in  dem  stolzen  Bewußtsein,  daß  ihm,  ihm  allein  auferlegt  sei,
den  Rathschluß  eines  fürchterlichen  Schicksals  zu  vollziehen.  Er  sah  vor
sich  das  alte  Europa,  zertheilt  durch  streitige  Interessen,  gelähmt  durch
ein  schwerfälliges  Heerwesen  und  durch  veraltete  Verfassungen  —  eine
erstarrte  Staatenwelt,  die  das  Recht  ihres  Daseins  nur  noch  auf  den
historischen  Bestand  zu  stützen  wußte;  hinter  sich  die  gewaltigen  kriege—
rischen  Kräfte  des  französischen  Volkes,  das  mit  seiner  Vergangenheit  ge—
brochen  hatte  und  sich  vermaß  der  weiten  Erde  Gesetze  zu  geben.

So  ist  in  dem  Kopfe  des  großen  Heimathlosen,  dem  das  Seelenleben
der  Völker,  die  Welt  der  Ideen  immer  unverständlich  blieb,  jetzt  schon  der
entsetzliche  Gedanke  eines  neuen  Weltreichs  entstanden.  Die  Bilder  der
Caesaren  und  Karolinger  standen  leuchtend  vor  seinem  Geiste;  die  reiche
Geschichte  eines  Jahrtausends  sollte  durch  ein  gigantisches  Abenteuer  ver—
nichtet  werden,  die  vielgestaltige  Culturwelt  des  Abendlandes  dem  Macht—
gebote  eines  ungeheuren  Menschen  gehorchen.  Mit  einer  wunderbaren
Sicherheit  und  Gewissensfreiheit  stürmte  diese  neue,  durchaus  unfranzösische
Politik  der  Welteroberung  ihren  Zielen  entgegen.  Bonaparte's  Scharfblick
erkannte  sofort,  durch  welche  Mittel  das  in  Deutschland  siegreiche,  in  Italien
besiegte  Oesterreich  zu  einem  vorläufigen  Frieden  zu  zwingen  sei;  er  durch—
schaute  Thugut's  adriatische  Pläne,  verschaffte  sich  durch  unerhörten  Ver—
rath  den  Vorwand  die  neutrale  Republik  Venedig  zu  bekriegen,  warf  die
waffenlose  nieder  und  bot  dann  für  Mailand,  Belgien  und  das  linke
Rheinufer  dem  kaiserlichen  Hofe  den  Besitz  Venetiens  an  —  eine  Ab—
rundung,  die  für  Oesterreich  fast  willkommener  war  als  die  verlorenen
unhaltbaren  Außenposten.  Außerdem  wurde  dem  Kaiser  das  secularisirte
Hochstift  Salzburg  und  Baiern  bis  zum  Inn,  seinem  aus  Modena  ver—
triebenen  Vetter  der  Breisgau  versprochen.  Auf  solche  Bedingungen  hin
wurde  am  17.  October  1797  der  Friede  von  Campo  Formio  geschlossen.

Wieder  einmal  sollte  das  heilige  Reich  die  Buße  zahlen  für  Oester—