Rastatter Congreß. 167
selber hatte der Bewegung die Schleußen geöffnet durch die geplante Ein—
verleibung des Salzburger Hochstiftes. In wilder Gier drängten sich die
reichsfürstlichen Gesandten an die Bevollmächtigten des Directoriums heran
um durch die Gunst des Reichsfeindes ein reiches Stück aus den Gebieten
ihrer geistlichen Mitstände zu gewinnen.
Nach Thugut's Absicht sollte Preußen bei dieser Beraubung der geist—
lichen Fürsten leer ausgehen. In den geheimen Artikeln von Campo Formio
war ausdrücklich nur die Abtretung des linken Rheinufers von Basel bis
zur Nette bewilligt worden, damit Preußen seine niederrheinischen Besitzungen
behielte und keinen Anspruch auf Entschädigung erheben könne. Die Verab—
redung stand in offenbarem Widerspruche mit jenem Augustvertrage von
1796, der dem Berliner Hofe für den Fall der Abtretung des linken
Rheinufers eine vortheilhafte Abrundung versprochen hatte. So hatte denn
Frankreich durch zwei widersprechende geheime Verträge die beiden verfein—
deten deutschen Großmächte an sich gekettet, von denen die eine aus ihren
Niederlagen, die andere aus ihrer Unthätigkeit Vortheil zu ziehen dachte.
Unvermeidlich mußte jene dritte Macht, die ihre Ansprüche auf ihr siegreiches
Schwert stützte, in solchem widerwärtigen Streite die Oberhand behaupten.
Für eine entschlossene preußische Politik war der Weg, nach Allem
was geschehen, klar vorgezeichnet. Preußens niederrheinischer Besitz wurde
unhaltbar, seit der Kaiser Belgien, Mainz und die Mosellande an Frank—
reich abgetreten. Das gesammte linke Ufer war durch die Verträge von
Campo Formio für Deutschland verloren. Man mußte sich diese Thatsache
eingestehen und versuchen, mindestens dem rechtsrheinischen Deutschland
eine haltbare weltliche Verfassung zu geben. Es war an Preußen,
dem natürlichen Gegner der geistlichen Staaten, das nunmehr unvermeidliche
Werk der allgemeinen Secularisation, der Verweltlichung des
heiligen Reichs, selber in die Hand zu nehmen, die Macht der Hofburg
in Deutschland durch die Vernichtung ihres geistlichen Anhangs zu brechen,
das Reich in einen Fürstenbund unter Preußens Führung zu verwandeln.
Nicht aus Frankreichs, sondern aus Preußens Händen mußten die kleinen
weltlichen Fürsten ihre Entschädigung empfangen; es galt, sie durch das
einzige Band, das ihnen heilig war, durch das dynastische Interesse für
die preußische Sache zu gewinnen. In der That hat Dohm, der Gesandte
in Rastatt, seinem Könige gerathen, die Secularisation also in großem
Stile zu betreiben, als ein Mittel zu einer umfassenden Reichsreform,
nicht zur Befriedigung kleinlicher Habgier. Aber der rathlosen Gedankenarmuth
des Berliner Hofes blieb jede kühne Entschließung unfaßbar. Die
preußische Politik war während des Krieges wohlmeinend bemüht gewesen,
auf der Grundlage der Reichsintegrität den Frieden zwischen Oesterreich
und Frankreich herbeizuführen; man hatte sie schroff zurückgewiesen, weil
Thugut sein finsteres Mißtrauen gegen Preußen nicht überwinden konnte,
und weil ein Staat, der unter keinen Umständen schlagen wollte, auch