Volltext : Politische Geschichte der Gegenwart. V Das Jahr 1871. (5)

Besetzung  von  Dijon.  39

zwei  Angriffen,  am  21.  und  am  23.  Januar  schlug  er  den  Feind
bis  in  die  Nähe  der  Stadt  zurück.  In  dem  zweiten  Gefecht,  das
bis  in  die  Nacht  hinein  fortdauerte,  verlor  das  2.  Bataillon  des
pommerschen  Regiments  Nr.  61  seine  Fahne,  die  einzige,  die  in  dem
ganzen  Kriege  von  Seiten  der  deutschen  Heere  verloren  gieng;  aber
sie  wurde  vom  Feinde  nicht  erobert,  sondern  erst  am  folgenden  Morgen
  gefunden  und  zwar  unter  einem  Haufen  von  Leichen.  General
Kettler  blieb  vor  Dijon  stehen  und  hinderte  mit  seinen  5  Bataillonen
den  mehr  als  25,000  Mann  starken  Feind,  der  Südarmee  in  den
Rücken  zu  fallen.  Um  Dijon  zu  nehmen,  mußten  dort  bedeutendere
Truppenkräfte  vereinigt  werden.  Nach  den  Anordnungen  des  Generals
  Manteuffel  übernahm  Generallieutenant  Hann  von  Weyhern
am  27.  Januar  das  Kommando  über  ein  besonderes  Detachement,
das  aus  den  Brigaden  Kettler,  Knesebeck,  Willisen  und  der  badischen
Brigade  Degenfeld  zusammengesetzt  war.  Doch  wurde  dem  General
die  Eroberung  der  Stadt  nicht  unbedingt  geboten,  sondern  nur  für
den  Fall,  daß  der  Angriff  nicht  zu  große  Opfer  kosten  würde.  General
  Hann  koncentrirte  seine  Truppen  auf  der  Straße  Gray-Dijon
und  hatte  am  29.  sein  Hauptquartier  in  Mirebeau.  In  der  Nacht
zum  30.  lief  ein  Schreiben  des  Generals  Bordone,  des  Generalstabschefs
  der  Garibaldi'schen  Vogesenarmee,  ein,  worin,  wie  vor
Pontarlier,  der  Abschluß  des  Waffenstillstandes  mitgetheilt,  Einstellung
  der  Feindseligkeiten  und  eine  Zusammenkunft  zur  Festsetzung
einer  Demarkationslinie  gefordert  wurden.  Am  30.  erschien  Bordone
  selbst  bei  den  Vorposten  und  suchte  persönlich  seiner  Mittheilung
  Glauben  zu  verschaffen.  In  der  Nacht  kam  dem  General
Hann  vom  Oberkommando  der  Südarmee  die  bekannte  Aufklärung
zu,  wovon  er  sogleich  den  Feind  benachrichtigte.  Garibaldi,  welcher
eben  noch,  als  die  Südarmee  an  Dijon  vorbei  gegen  Bourbaki  anmarschirte,
  in  einer  Proklamation  an  die  Vogesenarmee  geprahlt
hatte:  „Wieder  einmal,  ihr  jungen  Krieger  der  Freiheit,  habt  ihr
die  Fersen  der  furchtbaren  Soldaten  des  Königs  Wilhelm  gesehen,"
wagte  nicht,  es  auf  einen  ernsthaften  Kampf  ankommen  zu  lassen.  Als
am  31.  die  deutschen  Brigaden  unter  leichten  Gefechten  bis  in  die
Nähe  der  Stadt  vorrückten  und  am  Morgen  des  1.  Februar  gegen  die
feindlichen  Vertheidigungsstellungen  vorgiengen,  fanden  sie  diese  bereits
  geräumt,  und  um  8  Uhr  Vormittags  war  Dijon  besetzt.  Ga-