Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

16  .  Vie  österreichisch  msische  Menarqhit.  (Januar  24.)

weiter  fortzusetzen.  Der  Gedankenaustausch  muß  naturgemäß  im  Einvernehmen
  mit  unseren  Verbündeten  geschehen.,  Ich  beabsichtige,  derzeit  nur
einige  kurze  Bemerkungen  zu  machen.  Ich  muß  vor  allem  gegenüber  der
von  dem  Interpellanten  hervorgehobenen  Tatsache,  daß  der  Präsident  der
Ver.  St.  in  seiner  Botschaft  einen  gewissen  Unterschied  zwischen  unserer
Antwort  und  der  unserer  Gegner  mache,  feststellen,  daß  der  Vierbund  erklärt
  hat,  er  sei  geneigt,  auf  Friedensverhandlungen  einzugehen,  daß  er
aber  zugleich  erklärte,  daß  er  bei  diesen  Verhandlungen  solche  Bedingungen
stellen  werde,  welche  seiner  Ueberzeugung  nach  für  den  Gegner  annehmbar
und  geeignet  seien,  als  Grundlage  eines  dauernden  Friedens  zu  dienen.
(Allgem.  lebh.  Zustimmung.)  Demgegenüber  ist  die  Aufstellung  der  Friedensbedingungen,
  wie  sie  in  der  Antwort  unserer  Gegner  an  die  Ver.  St.  enthalten
  sind,  gleichbedeutend  zumindest  mit  der  Aufteilung  der  Monarchie
und  des  osmanischen  Reiches.  Diese  Antwort  ist  daher  die  amtliche  Ankündigung
  des  auf  unsere  Vernichtung  gerichteten  Krieges  und  zwingt  uns
zu  dem  mit  äußerster  Kraftanstrengung  geführten  Widerstand  und  Kampi,
solange  dieses  Kriegsziel  unserer  Gegner  fortbesteht.  (Allgem.  lebh.  Zustimmung.)
  Unter  solchen  Umständen,  glaube  ich,  kann  kein  Zweifel  obwalten,
welche  Mächtegruppe  infolge  ihrer  Haltung  ein  Hindernis  für  den  Frieden
ist  und  welche  Gruppe  infolge  ihrer  Haltung  der  Auffassung  des  Präsidenten
  der  Ver.  St.  nähersteht.  Der  Präsident  der  Ver.  St.  hat  in  seiner
Botschaft  ja  gegen  einen  solchen  Frieden  Stellung  genommen  eder  Ministerpräsident
  liest),  in  welchem  der  Sieger  seinen  Willen  dem  Besiegten  auferlegt,
  welchen  die  eine  Partei  als  Demütigung  und  unerträgliches  Opfer
ansehen  würde,  so  daß  der  Stachel  der  Rachegier  und  der  bitteren  Gedanken
  in  dem  Besiegten  zurückbleiben  würde.  Daraus  folgt  deutlich,  daß,
insolange  als  die  uns  gegenüberstehenden  Mächte  ihre  Kriegsziele  nicht
wesentlich  verändern,  ein  unüberbrückbarer  Gegensatz  zwischen  ihrem  Standpunkt
  und  den  Friedenszielen  des  Präsidenten  der  Ver.  St.  besteht.  Zustimmung.)
  Meine  zweite  Bemerkung  bezieht  sich  auf  das  Nationaliträtenprinzip.
  Wie  ich  angedeutet  habe,  wünsche  ich  meine  Bemerkung  so  kurz
als  möglich  zu  fassen.  Ich  werde  mich  daher  nicht  in  das  dankbare  Thema
vertiefen,  welche  moralische  Berechtigung  England  und  Rußland  besitzen,
um  das  Nationalitätenprinzip  im  Rahmen  eines  solchen  Friedensprogramms
zu  betonen,  welches  die  ung.  Nation  vernichten  würde  und  welches  die
mohammed.  Bevölkerung  in  den  Gebieten  des  Bosporus  der  russ.  Herrschaft
  ausliefern  würde.  Aber  abgesehen  davon,  bemerke  ich  —  und  ich
glaube,  daß  ich  ohne  Parteiunterschied  unserer  aller  Ueberzeugung  ausdrücke
  —,  daß  die  ganze  öffentliche  Meinung  Ungarns  das  Nationalitätenprinzip
  in  Ehren  hält.  Unsere  ganze  öffentliche  Meinung  wünscht  die  freie
Entwicklung  und  das  Gedeihen  der  Nation.  Das  Nationalitätenprinzin
kann  jedoch  in  der  Bildung  von  Nationalstaaten  nur  dort  unbeschränkt  zur
Geltung  kommen,  wo  die  einzelnen  Nationen  in  scharf  gezogenen  ethnographischen
  Grenzen  in  kompakten  Massen  auf  einem  zur  Staatenbildung
geeigneten  Gebiete  leben.  In  solchen  Territorien,  auf  welchen  verschiedene
Volksstämme  und  Nationen  gemischt  wohnen,  ist  es  unmöglich,  daß  jeder
einzelne  Volksstamm  einen  nationalen  Staat  bilde.  (Zustimmung.)  Dort
kann  nur  ein  Staat  geschaffen  werden  ohne  nationalen  Charakter,  oder
dasjenige  Volk  drückt  den  nationalen  Stempel  auf,  welches  seiner  Zahl
und  seinem  Gewichte  nach  vorherrscht.  Unter  solchen  Verhältnissen  ist  daher
  nur  jene  beschränkte  Geltendmachung  des  Nationalitätenprinzips  möglich,
  welches  der  Präsident  der  Ver.  St.  richtig  ausdrückt,  indem  er  folgende
Forderung  aufstellt:  „Man  muß  für  jedes  Volk  die  Sicherung  des  Lebens,
des  Gottesdienstes,  der  individuellen  und  sozialen  Entwicklung  schaffen.“