Metadata : Preußische Geschichte. Zweiter Band. (2)

370  Viertes  Buch.  Der  Ausbau  des  preußischen  Königtums.

Karl  XII.  lehnte  das  ebenso  ab.  Aber  auch  der  Zar  verweigerte
die  Ratifikation  des  Schwedter  Vertrages  —  und  die  Dänen
schickten  sich  nach  dem  Fall  Tönningens  an,  mit  russischer  Hilfe
der  bisher  von  Schweden  beschützten  Selbständigkeit  Holsteins
ein  Ende  zu  machen.  Die  Lage  Preußens  wurde  kritisch:  sollte
es,  um  Russen  und  Dänen  aufzuhalten,  sich  zum  Verteidiger
Schwedens  aufwerfen?  Aber  vergeblich  ließ  Friedrich  Wilhelm
dem  Kaiser  vorstellen,  jetzt  sei  der  Augenblick  gekommen,  um
Schweden  aus  Deutschland  zu  vertreiben:  in  Wien  blieb  man
nicht  nur  unthätig,  sondern  gab  der  üblen  Laune  über  Preußens
Beitritt  zum  Utrechter  Frieden  in  planmäßigen  Anfeindungen
Ausdruck.  Dennoch  versagte  sich  dieses  sowohl  den  Anträgen
Frankreichs  zu  gunsten  Schwedens,  wie  denen  Hannovers  zur
Teilung  der  deutschen  Lande  Schwedens,  wies  auch  das  Ver—
langen  des  dem  Schwedenkönig  verschwägerten  Landgrafen  von
Hessen  zurück,  Stettin  ihm  zu  übergeben,  obgleich  es  im  Falle
eines  Bruchs  auch  Sachsen,  Polen  und  Hannover  gegen  sich
zu  haben  sicher  war.  Doch  lehnte  es  sich  notgedrungen  näher
an  Rußland  an,  das  bei  der  Erschöpfung  seines  dänischen
Alliierten  und  den  Rüstungen  Schwedens  ihm  entgegenkam,  um
nicht  durch  den  Wiederausbruch  des  Krieges  in  Pommern  in
seinem  Siegeslauf  zur  See  und  in  Finnland  aufgehalten  zu  wer—
den.  So  entstand  die  „reciproque  Garantie“  vom  12.  Juni  1714:
der  Zar  verpflichtete  sich  nur  Frieden  zu  schließen,  wenn  Preußen
Stettin  und  alles  Land  bis  zur  Peene  nebst  Wolgast  und  den
Inseln  Usedom  und  Wollin  erhielte,  während  Preußen  ihm
Ingermanland,  Karelien  mit  Wiborg  und  Narwa  und  Esthland
mit  Reval  verbürgte.  Damit  aber  verließ  Preußen  freilich  die
zu  Schwedt  eingenommene  Stellung:  ohne  an  dem  Kriege  be—
teiligt  zu  sein,  übte  es  auf  den  künftigen  Frieden  entscheidenden
Einfluß  und  ließ  Schweden  dafür  zu  seinen  Gunsten  Opfer
auferlegen,  die  es  ihm  eigentlich  nur  als  kriegführende  Macht
hätte  zumuten  können.  Doch  half  ihm  auch  darüber  die  Ver—
blendung  des  Schwedenkönigs  hinweg.  Endlich  (Ende  No—
vember  1714)  heimgekehrt,  begann  er  die  Feindseligkeiten,  indem
  er  (23.  Februar  1715)  die  kleine  preußische  Besatzung  in
Wolgast  überwältigen  und  die  Stadt  besetzen  ließ.