Rückkehr des Königs nach Berlin. 351
hatte. Wenn der König jetzt die schlesischen Güter des geächteten Braun—
schweigers confiscirte, so wußte Napoleon genau, daß dieser Diensteifer
nur den Zweck verfolgte, die Besitzungen des Welfen vor der französischen
Raubgier zu retten. Mit polternder Ungeduld verlangte er die Zahlung der
dückstände, berechnete Wucherzinsen für die Säumniß. Als der König die
völlige Erschöpfung der Finanzen einwendete und erzählte, wie er bereits seine
Juwelen und sein goldenes Tafelgeschirr zur Deckung der Staatsschulden
dahingegeben, da hieß es höhnisch: „welche erbärmliche Mittel, wenn man un—
nütze Lager hält, Pferde ankauft und zwecklose Ausgaben für das Heer macht.“
Um den Grollenden durch einen Beweis des Vertrauens zu be—
schwichtigen, verlegte der König auf Weihnachten 1809 sein Hoflager wieder
nach Berlin, mitten zwischen die Garnisonen der Franzosen. Wie oft waren
einst in den fridericianischen Zeiten die Victoria schmetternden Postillone
durch diese Thore eingeritten. Und nun der Einzug der Besiegten durch
das neue Königsthor! Die schöne Königin saß weinend in dem Wagen,
den ihr die verarmte Stadt geschenkt; darauf der König zu Roß; hinter
ihm Scharnhorst, inmitten der Generale, bleich und finster im Sattel
hängend, dann die jungen Prinzen im Zuge ihrer Regimenter. Mehrere
hundert Männer aus den verlorenen Provinzen waren herbeigeeilt um
ihren angestammten Herrn bei seiner Rückkehr zu begrüßen; auch Arndt
und Jahn standen im Volksgewühle, erschüttert von dem Uebermaß der
Liebe, das mit einem male aus tausend Herzen brach. Kein Auge blieb
trocken. Es war, als ob Fürst und Volk und Heer einander gelobten,
daß nunmehr alle alte Schuld vergessen und vergeben sei. Kleist aber
begrüßte den König als den Sieger, der größer sei als jener triumphi—
rende Caesar, und rief, auf die Thürme der Hauptstadt weisend:
Sie sind gebaut, o Herr, wie hell sie blinken,
Für bess're Güter in den Staub zu sinken.
Dem weichen Gemüthe Friedrich Wilhelm's war es eine Freude, nun
auch seinerseits, nach der patriarchalischen Weise der Zeit, dem treuen
Volke eine Liebe zu erweisen. Im nächsten Monat feierte er zum ersten
male das Ordensfest, das demokratische Fest einer bürgerlichen soldatischen
Monarchie, und lud bis zum Postboten herunter Alle, die sich in ihrem
Berufe hervorgethan, auf sein Schloß zu Gaste. Und bezeichnend genug,
Wenige nahmen an der allgemeinen Freude, die dem heimgekehrten Fürsten
entgegenjubelte, aufrichtiger theil als der französische Gesandte Graf
St. Marsan. Der ehrenhafte hochconservative Savoyard mußte dem
Könige das Aergste und Schnödeste sagen, was je einem preußischen Herrscher
geboten wurde; er that nach seiner Amtspflicht, doch er sah mit
stiller Bewunderung die sittliche Größe dieses gebeugten Staates und
empfand bald tiefe Verehrung für den Charakter Friedrich Wilhelm's.
Zwischen dem unglücklichen Monarchen und dem Gesandten seines Tod—
feindes entstand ein festes Verhältniß gegenseitiger Hochachtung; noch viele