Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

Rückkehr  des  Königs  nach  Berlin.  351

hatte.  Wenn  der  König  jetzt  die  schlesischen  Güter  des  geächteten  Braun—
schweigers  confiscirte,  so  wußte  Napoleon  genau,  daß  dieser  Diensteifer
nur  den  Zweck  verfolgte,  die  Besitzungen  des  Welfen  vor  der  französischen
Raubgier  zu  retten.  Mit  polternder  Ungeduld  verlangte  er  die  Zahlung  der
dückstände,  berechnete  Wucherzinsen  für  die  Säumniß.  Als  der  König  die
völlige  Erschöpfung  der  Finanzen  einwendete  und  erzählte,  wie  er  bereits  seine
Juwelen  und  sein  goldenes  Tafelgeschirr  zur  Deckung  der  Staatsschulden
dahingegeben,  da  hieß  es  höhnisch:  „welche  erbärmliche  Mittel,  wenn  man  un—
nütze  Lager  hält,  Pferde  ankauft  und  zwecklose  Ausgaben  für  das  Heer  macht.“

Um  den  Grollenden  durch  einen  Beweis  des  Vertrauens  zu  be—
schwichtigen,  verlegte  der  König  auf  Weihnachten  1809  sein  Hoflager  wieder
nach  Berlin,  mitten  zwischen  die  Garnisonen  der  Franzosen.  Wie  oft  waren
einst  in  den  fridericianischen  Zeiten  die  Victoria  schmetternden  Postillone
durch  diese  Thore  eingeritten.  Und  nun  der  Einzug  der  Besiegten  durch
das  neue  Königsthor!  Die  schöne  Königin  saß  weinend  in  dem  Wagen,
den  ihr  die  verarmte  Stadt  geschenkt;  darauf  der  König  zu  Roß;  hinter
ihm  Scharnhorst,  inmitten  der  Generale,  bleich  und  finster  im  Sattel
hängend,  dann  die  jungen  Prinzen  im  Zuge  ihrer  Regimenter.  Mehrere
hundert  Männer  aus  den  verlorenen  Provinzen  waren  herbeigeeilt  um
ihren  angestammten  Herrn  bei  seiner  Rückkehr  zu  begrüßen;  auch  Arndt
und  Jahn  standen  im  Volksgewühle,  erschüttert  von  dem  Uebermaß  der
Liebe,  das  mit  einem  male  aus  tausend  Herzen  brach.  Kein  Auge  blieb
trocken.  Es  war,  als  ob  Fürst  und  Volk  und  Heer  einander  gelobten,
daß  nunmehr  alle  alte  Schuld  vergessen  und  vergeben  sei.  Kleist  aber
begrüßte  den  König  als  den  Sieger,  der  größer  sei  als  jener  triumphi—
rende  Caesar,  und  rief,  auf  die  Thürme  der  Hauptstadt  weisend:

Sie  sind  gebaut,  o  Herr,  wie  hell  sie  blinken,
Für  bess're  Güter  in  den  Staub  zu  sinken.

Dem  weichen  Gemüthe  Friedrich  Wilhelm's  war  es  eine  Freude,  nun
auch  seinerseits,  nach  der  patriarchalischen  Weise  der  Zeit,  dem  treuen
Volke  eine  Liebe  zu  erweisen.  Im  nächsten  Monat  feierte  er  zum  ersten
male  das  Ordensfest,  das  demokratische  Fest  einer  bürgerlichen  soldatischen
Monarchie,  und  lud  bis  zum  Postboten  herunter  Alle,  die  sich  in  ihrem
Berufe  hervorgethan,  auf  sein  Schloß  zu  Gaste.  Und  bezeichnend  genug,
Wenige  nahmen  an  der  allgemeinen  Freude,  die  dem  heimgekehrten  Fürsten
entgegenjubelte,  aufrichtiger  theil  als  der  französische  Gesandte  Graf
St.  Marsan.  Der  ehrenhafte  hochconservative  Savoyard  mußte  dem
Könige  das  Aergste  und  Schnödeste  sagen,  was  je  einem  preußischen  Herrscher
  geboten  wurde;  er  that  nach  seiner  Amtspflicht,  doch  er  sah  mit
stiller  Bewunderung  die  sittliche  Größe  dieses  gebeugten  Staates  und
empfand  bald  tiefe  Verehrung  für  den  Charakter  Friedrich  Wilhelm's.
Zwischen  dem  unglücklichen  Monarchen  und  dem  Gesandten  seines  Tod—
feindes  entstand  ein  festes  Verhältniß  gegenseitiger  Hochachtung;  noch  viele