Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

350  I.  3.  Preußens  Erhebung.

Niederlage  seines  österreichischen  Schwagers  beiwohnte!  Um  so  bitterer
zürnten  die  preußischen  Patrioten,  daß  die  große  Stunde  versäumt  sei.
Die  Königin  klagte  schmerzlich:  „Oesterreich  singt  sein  Schwanenlied,  und
dann  ade  Germania!“  Und  doch  hatte  der  König  nur  gethan  was  die  klar
erkannte  Pflicht  gebot.  Napoleon  war  im  Rechte,  wenn  er  nach  dem  Frieden
den  preußischen  Gesandten  anherrschte:  „Es  ist  nicht  Euer  Verdienst,  daß
Ihr  ruhig  bliebt;  es  wäre  der  Gipfel  des  Wahnsinns  gewesen,  wenn  Ihr
mir  den  Krieg  erklärt  hättet  mit  den  Russen  im  Rücken!“  Er  wußte  wohl,
daß  es  ihm  nöthigenfalls  ein  Leichtes  gewesen  wäre,  zunächst  den  Kaiser
Franz  durch  eine  neue  Schlacht  zu  einem  Sonderfrieden  zu  zwingen  und
dann  mit  zermalmender  Wucht  den  Todesstoß  gegen  das  vereinzelte  Preußen
zu  führen.  Wir  Nachlebenden  wissen  auch,  was  jene  Zeit  weder  sehen
konnte  noch  wollte:  daß  selbst  der  unwahrscheinliche  Fall  eines  österreichischen
  Sieges  unserem  Vaterlande  kein  Heil  bringen  konnte.  Dann  wäre
ein  neues  Wallensteinisches  Zeitalter  über  Deutschland  hereingebrochen,  die
habsburgische  Fremdherrschaft  an  die  Stelle  der  napoleonischen  getreten.

Der  Mann  aber,  der  an  der  großen  Enttäuschung  die  Hauptschuld
trug,  wurde  schnell  irr  an  der  Klugheit  seiner  feinen  Berechnungen.
Alexander  fürchtete  nichts  so  sehr  wie  die  Wiederherstellung  Polens  durch
Napoleon.  Wenn  Ihr  daran  denkt,  sagte  er  zu  Caulaincourt,  dann  ist
die  Welt  nicht  groß  genug,  um  einen  Ausgleich  zwischen  uns  zu  erlauben,
und  wiederholt  gab  er  dem  französischen  Gesandten  zu  vernehmen:  Galizien
dürfe  schlechterdings  nur  an  Rußland  fallen,  wenn  es  nicht  bei  Oesterreich
  verbleibe.  Nun  mußte  er  erleben,  daß  Napoleon  im  Wiener  Frieden
eigenmächtig  das  ganze  Neugalizien,  an  anderthalb  Millionen  Einwohner
mit  den  wichtigen  Plätzen  Zamosz,  Lublin  und  Krakau  dem  Herzogthum
Warschau  schenkte  —  lauter  Gebiete,  welche  Rußland  soeben  erobert  hatte
und  noch  besetzt  hielt.  Dem  Czaren  selber  wurde  bloß  ein  Brocken  aus
der  Beute,  der  Landstrich  um  Tarnopol,  zugeworfen  —  nur  der  Schande
halber,  nur  damit  die  Welt  sehe,  der  Czar  sei  doch  Frankreichs  Verbündeter
  gewesen;  nebenbei  sollte  dies  Dangergeschenk  den  Petersburger
Hof  mit  dem  Wiener  gründlich  verfeinden.  Die  Wiederaufrichtung  der
alten  polnischen  Krone  rückte  bedrohlich  nahe;  das  Verhältniß  zwischen
den  Tilsiter  Alliirten  ward  täglich  kühler  seit  Napoleon  den  neuen
Freundschaftsbund  mit  Oesterreich  geschlossen  hatte.  Alexander  fühlte,  daß
ihm  selber  ein  Kampf  um  das  Dasein  bevorstehe.

Zunächst  wurde  Preußen  strenge  zur  Rechenschaft  gezogen  für  die
kriegerischen  Absichten  des  vergangenen  Jahres.  Nun  der  Imperator  des
Hauses  Oesterreich  sicher  war,  nahm  er  gar  keine  Rücksicht  mehr.  Er
kannte  die  geheimsten  Gedanken  des  königlichen  Hofes,  theils  durch  die
Verrätherei  der  österreichischen  Diplomaten,  theils  aus  den  Berichten  seiner
eigenen  Spione,  und  er  hatte  Grund  zur  Beschwerde,  da  Preußen  durch
die  Einstellung  der  Contributionszahlungen  sich  selber  in's  Unrecht  gesetzt