Inhaltsverzeichnis : Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Erster Band Erste Hälfte.

Einleitune.  7

klebte,  die  wie  Brandfackeln  ganze  Länder  verwüstet  hatten.  sagte
man  innerlich  den  Gehorsam  auf.  Aus  dieser  Art  von  Religion
schien  nur  Unheil  hervorgehen  zu  können:  sie  hatte  das  irdische
Leben  und  die  irdische  Wohlfahrt  nahezu  aufgelöst.  Also  muss  man
es  mit  einer  neuen,  würdigeren  Fassung  der  Religion  versuchen.
Fromme  und  Aufklärer  sind  darin  einig,  dass  am  Gewissen  und  an
(der  »Praxis«  alles  Religiöse  zu  messen  ist.  Obgleich  diese  Überzeugung
  sehr  verschiedener  Ausbildung  fähig  war,  schlaug  sie  doch
ein  Baud  um  alle  Bürger  des  neuen  Zeitalters.

Aber  noch  ein  drittes  Element  bestimmte  den  Geist  dieser  Epoche.
Die  Renaissance  hatte  die  Natur  entdeckt,  für  zugänglich  erklärt  und
sie  entzückt  als  ein  einheitliches  Kunstwerk  zu  beschauen  begonnen.
Eine  methodische  Naturerkenntniss  bahute  sich  indess  im  16.  Jahrhundert
  nur  langsam  an,  und  gerade  die  genialsten  Naturkundigen
compromittirten  oftmals  ihre  Wissenschaft  durch  Charlatanerie  und
Dunkelwerk  oder  wurden  doch  von  den  allein  zünftigen  Aristotelikern
  gewieden.  Noch  immer  zogen  sich  der  nüchterne  Verstand
und  die  Grossmacht  der  Universitäten  von  der  experimentirenden
Naturwissenschaft  zurück  und  überliessen  das  Feld  trotz  der  grundlegenden
  Entdeckungen,  die  schon  gemacht  worden  waren,  den
Mystikern  und  Projeetenmachern.  Noch  immer  wurde  das  Weltbild
aus  der  religiösen  Überlieferung  und  aus  logischen  Begriffen  construirt.
  Aber  im  Laufe  des  17.  Jahrhunderts,  von  GauiEı  und
KErLER  über  Cartesıvs  zu  den  Engländern,  d.h.  zu  Nrwrox,  vollzog
  sich  siegreich  der  bedeuteudste  Umschwuug,  der  in  der  Geschichte
  der  Wissenschaft  überhaupt  je  erlebt  worden  ist.  Die
mathematische  Naturwisseuschaft  —  eigenthümlich  vorbereitet
  durch  die  der  Einheit  zustrebende  ästhetische  Betrachtung
der  Renaissance  und  mit  ihr  die  mechanische  \Veltanschauune
entwickelten  sich  und  wurden  am  Ende  des  Jahrhunderts  beveits
auf  eine  Höhe  gehoben,  die  in  gewissem  Siun  einem  Abschluss
gleichkommt'!.  Welche  Revolution  in  den  Köpfen  und  Gemüthern
(diese  an  der  Peripherie  der  Renaissance  entstandene,  aber  bald  den
Mittelpunkt  beherrschende  Entwicklung  hervorgebracht  hat,  lässt

!  Man  darf  hier  auch  an  die  Lehre  von  der  Erhaltung  der  Kraft  denken.  der
Leiexız  (im  Jahre  1696)  einen  richtigeren  Ausdinck  gegeben  hat.  die  unzutreflende
Auffassung  des  Cartesıvs  corrigirend  (Acta  Eruditorum  Lips.:  »Brevis  demonstratio
erroris  memorabilis  Cartesii«).  Auch  in  Newrox’s  Principien  ist  diese  Lehre  so  weit
enthalten.  als  die  Unkenntniss  in  Bezug  auf  die  Natur  der  Wärme  es  zuliess  (s.
pr  Bois-Reyuoxo,  »Leibnizische  Gedanken  in  der  neneren  Naturwissenschaft«.  in  den
»Reden«  I.  S.32  fl..  cf.  328  f,  und  sonst).