thumbs : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

Bismarck  und  der  Bundestag.  491

lands  erreichen,  ohne  von  der  Selbständigkeit  Preußens  ein  erhebliches
Stück  zu  opfern.  Er  war  noch  bereit,  sie  mit  Oskerreich  zu  teilen,  wenn  dieses
darauf  eingehen  wolle.  Davon,  wie  Hsterreich  sich  zu  dieser  Voraussetzung
stellen  werde,  mußte  also  die  weitere  Entwicklung  von  Bismarcks  Anschauungen
  über  die  Lösung  der  deutschen  Frage  abhängen.

In  dieser  Beziehung  sind  nun  die  Erfahrungen  von  entscheidender  Bedeutung
  gewesen,  die  Bismarck  während  der  nächsten  Jahre  machte,  als
er  Preußen  bei  dem  wiederhergestellten  Bundestag  in  Frankfurt  a.  M.  zu
vertreten  hatte.  Es  ist  bekannt  genugt  und  bedarf  keines  weiteren  Beweises,
daß  er  sich  schon  sehr  bald  davon  überzeugen  mußte,  daß  Öfterreich  die  Gleichberechtigung
  Preußens  in  der  Leitung  der  deutschen  Angelegenheiten  niemals
  freiwillig  anerkennen  werde.  Immer  deuklicher  wurde  es  ihm,  daß
man  in  Wien  darauf  ausgehe,  das  Bundespräsidium  zur  Unterwerfung  der
übrigen  deutschen  Staaten  unter  den  Willen  und  die  Interessen  des  Kaiserstaates
  zu  benutzen.  Man  konnte  sicher  sein,  daß  man  mit  Hilfe  der  Mittelstaaten
  Preußen  stets  werde  in  der  Minderheit  halten  können.  Jede  Erweiterung
  der  Kompetenz  des  Bundes  mußte  unter  diesen  Umständen  die
Macht  Hsterreichs  verstärken  und  die  Stellung  Preußens  schwächen.  So
wenig  Bismarck  früher  eine  Mediatisierung  Preußens  durch  das  Frankfurter
  Parlament  oder  durch  die  Jentralbehörden  der  Union  hatte  zugeben
wollen,  so  wenig  war  er  geneigt,  einer  ähnlichen  Mediatisierung  durch  den
von  Österreich  beherrschten  Bundestag  zuzuskimmen.  Immer  wahrscheinlicher
  wurde  es  ihm,  daß  Preußen  auf  die  Dauer  die  bestehende  Bundesverfassung
  nicht  werde  ertragen  können,  ohne  seine  Selbständigkeit  als
europäische  Großmacht  zu  verlieren;  der  Bund  erschien  ihm  als  eine  lebensgefährliche
  Fessel  für  Preußen.  Jeden  Versuch  einer  Überschreitung  der
Bundeskompetenz  wollte  er  schon  damals  mit  der  Sprengung  des  Bundes
beantwortet  wissen.  Mik  einer  Verstärkung  der  Bundeswirksamkeit  hätte
Preußen  sich  nach  seiner  Meinung  nur  dann  einverstanden  erklären  können,
wenn  zugleich  eine  neue  Verkeilung  der  Stimmen  im  Bundestage  vorgenommen
  worden  wäre,  welche  Preußen  einen  seiner  Größe  und  Be-1

  Die  Nachweise  für  das  Folgende  glaube  ich  mir  ersparen  zu  können,  da  über  diesen  Punkt
keine  Meinungsverschiedenheit  besteht.  Ich  will  nur  auf  einige  der  wichtigeren  Jeugnisse
hinweisen:  Brief  an  Frau  v.  Arnim  v.  22.  Dez.  1853  (Bismarckbriefe  S.  170);  Bericht  v.
16.  März  1853  (Poschinger,  Preußen  am  Bundestag  4,  63  vgl.  143  f.),  v.  15.  Febr.  1854
(a.  a.  O.  4,  176),  v.  28.  Febr.  1855  (a.  a.  O.  2,  98),  v.  26.  April  1856  (a.  a.  O.  2,  191),  v.
18.  Mai  1857  (a.  a.  O.  4,  264).  —  Ferner  Briefe  an  L.  v.  Gerlach  v.  22.  Juni  185x,  28.  Dez.
1851,  16.  März  1853,  13.  Mai  1883,  25.  Nov.  1883,  10.  Dez.  1853,  26.  Aug.  1844,  13.  Okt.
1854,  21.  Dez.  1884,  11.  Febr.  1886,  28.  April  1856,  2.  Mal  1857,  an  Herrn  v.  Puttkamer
7.  April  1858.  (Briefe  an  seine  Braut  usw.,  S.  391.)  —  Endlich  auch  sein  Gespräch  mit
Th.  v.  Bernhardi  im  April  r866,  s.  Aus  d.  Leben  Bernhardis  6,  293f.