Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Ventsches  Reich.  (Februar  23.)  175

mäßig  für  alle  Volkskreise  wichtig  ist,  daß  an  ihr  der  Landwirt,  Industrielle
und  Arbeiter  in  gleicher  Weise  interessiert  ist  und  daß  wir  an  ihrem  Wiederaufbau
  gemeinsam  arbeiten  müssen.  Auf  diese  Mitarbeit  an  der  großen
Aufgabe  glauben  die  verbündeten  Regierungen  vor  allem  in  diesem  hohen
Hause  zählen  zu  können.  Sie  wird  sich  schon  aussprechen  können  in  der
Ihnen  jetzt  vorgeschlagenen  Aufrechterhaltung  einer  gesunden  Finanzpolitik,
in  einer  unvoreingenommenen  Prüfung  unserer  Steuervorschläge,  in  der
Bereitstellung  der  Mittel  für  die  weitere  Kriegführung  und  in  Ihrer  freudigen
Mitarbeit  bei  der  demnächstigen  Anleihe.  (Allg.  lebh.  Beifall.)

Abg.  Dr.  Spahn  (3tr.)  beantragt,  die  weitere  Debatte  über  die  zur
Beratung  stehenden  Entwürfe  zu  unterbrechen  und  sofort  in  die  Beratung
der  Kreditvorlage  einzutreten.  Damit  ist  das  Haus  einverstanden.

Abg.  Ebert  (Soz.):  Ich  habe  namens  meiner  politischen  Freunde
folgende  Erklärung  abzugeben:  Durch  die  Ablehnung  der  von  Deutschland
und  seinen  Verbündeten  angebotenen  Friedensverhandlungen  haben  die
feindlichen  Mächte  eine  schwere  Verantwortung  für  die  Fortsetzung  des
Krieges  auf  sich  geladen.  Sie  wollen  ihre  nunmehr  unverhüllt  ausgesprochenen
  Eroberungsziele  durchsetzen,  die  eine  Zertrümmerung  und  eine
dauernde  Niederhaltung  der  Mittelmächte  bedeuten  würden.  Angesichts
dieser  Tatsache  erklärt  die  deutsche  Sozialdemokratie  erneut  ihre
feste  Entschlossenheit  auszuharren,  bis  zur  Erreichung  eines
die  Lebensinteressen  des  deutschen  Volkes  sichernden  Friedens.
Mit  der  gleichen  Entschiedenheit,  mit  der  wir  uns  zur  Verteidigung  unseres
Landes  bekennen,  bringen  wir  auch  heute  wieder  unsere  Friedensbereitschaft
zum  Ausdruck.  Wir  erwarten,  daß  auch  die  Reichsleitung  unbeirrt  festhält
an  der  in  ihrer  Note  vom  12.  Dez.  1916  bekundeten  Friedensgeneigtheit
und  jederzeit  bereit  bleibt,  in  Verhandlungen  einzutreten  mit  dem  Ziele
eines  Friedens,  der  die  Lebensinteressen  aller  Völker  achtet  und  darum  die
Gewähr  der  Dauer  in  sich  trägt.  Aus  diesen  Erwägungen  geben  wir  den
geforderten  Krediten  unsere  Zustimmung.

Abg.  Ledebour  (Soz.  Arb.):  Wer  der  Regierung  die  Kriegskredite
bewilligt  und  ihr  damit  das  stärkste  Vertrauensvotum  erteilt,  übernimmt
die  Mitverantwortung  für  die  Kriegsziele  der  Regierung  und  für  die  Maßnahmen,
  die  sie  für  die  Erreichung  dieser  Ziele  ergreift.  Ein  solches  Verrauensvotum
  der  Regierung  zu  geben  sind  wir  auch  jetzt  nicht  in  der
Lage.  Ein  dauernder  Friede  ist  der  sehnlichste  Wunsch  aller  Völker.  Alle
Lippenbekenntnisse,  auch  das  deutsche  Friedensangebot  vom  12.  Dez.,
entsprechen  nicht  den  Anforderungen,  die  an  ihre  Zweckdienlichkeit  gestellt
werden  müssen.  Die  Inhaltslosigkeit  des  Friedensangebots  schmälert  seinen
Wert.  Ein  leeres  Friedensangebot  widerspricht  der  Forderung,  das  in
jeder  derartigen  Kundgebung  enthalten  sein  müßte,  daß  auf  alle  Annexionen
verzichtet  werde.  Die  erzwungene  Angliederung  von  Ländern  oder  Landesteilen
  an  einen  anderen  Staat  steht  im  schroffen  Widerspruch  zu  dem
sozialistischen  Grundsatz  des  Selbstbestimmungsrechts  der  Völker.  Die
Verwirklichung  einer  solchen  Forderung  würde  anstatt  eines  dauerhaften
Friedens  nur  einen  Waffenstillstand  herbeiführen,  der  den  Keim  eines
neuen  Revanchekrieges  in  seinem  Schoße  birgt.  Deshalb  können  wir  dem
Kredit  unsere  Zustimmung  nicht  geben.  Unsere  sozialistischen  Freunde
in  allen  Ländern  des  Zehnerbundes  bitten  wir,  die  friedensvereitelnden
Machenschaften  ihrer  heimischen  Machthaber  weiter  zu  bekämpfen.  Das
Selbstbestimmungsrecht  der  Völker  wird  auch  verletzt  durch  die  Art  und
Weise,  wie  das  Deutsche  Reich  mit  Oesterreich-Ungarn  die  Neubegründung
eines  polnischen  Staates  in  die  Wege  geleitet  hat.  Die  Proklamierung
des  Königreichs  Polen  muß  Verstimmung  hervorrufen  und  die  Anbahnung