Volltext : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

Preußens  Gebietsforderungen.  533

Gefangennahme  Friedrich  August's  begrüßte  Hardenberg  triumphirend  seinen
königlichen  Herrn  als  König  von  Sachsen  und  Großherzog  von  Posen.

Durch  die  Eroberung  Sachsens  war  die  naturgemäße  Entschädigung
für  Preußen  gefunden.  Der  preußische  Staat  erhielt  durch  diese  Erwer—
bung  das  Mittel  sich  mit  Rußland  über  die  polnische  Frage  ganz  zu
verständigen;  er  gewann  eine  wohlgesicherte  Südgrenze,  die  um  so  unent—
behrlicher  schien,  da  sein  Gebiet  gegen  Osten  hin  offen  blieb,  und  eine
deutsche  Provinz,  die  durch  Stammesart  und  Bildung,  durch  das  kirch—
liche  Bekenntniß  wie  durch  die  Interessen  des  Verkehres  mit  den  nordi—
schen  Nachbarlanden  eng  verbunden  war.  Für  das  Gedeihen  des  künf—
tigen  Deutschen  Bundes  war  die  Entfernung  eines  Fürstenhauses,  das  fast
in  allen  Krisen  unserer  neueren  Geschichte  schwer  an  dem  großen  Vaterlande
  gefrevelt  hatte,  ein  unzweifelhafter  Segen.  Da  man  leider  nicht
alle  Könige  von  Napoleon's  Gnaden  nach  Verdienst  behandeln  konnte,  so
blieb  es  doch  nothwendig  mindestens  an  einem  Rheinbundsfürsten  eine
wohlthätige  Züchtigung  zu  vollstrecken;  wie  heilsam  ein  solches  Beispiel
auf  die  Gemüther  des  deutschen  hohen  Adels  wirken  mußte,  ist  durch  die
Erfahrungen  des  Jahres  1866  überzeugend  erwiesen.  Aber  alle  die  guten
Gründe,  welche  der  preußisch-deutschen  Politik  die  Einverleibung  Sachsens
empfahlen,  konnten  dem  Wiener  Hofe  nur  als  dringende  Warnungen
erscheinen.

Der  Gegensatz  der  Interessen  der  beiden  Großmächte  trat  gerade  in
der  sächsischen  Frage  mit  so  schneidender  Schärfe  hervor,  daß  nur  Hardenberg's
  Vertrauensseligkeit  sich  darüber  zu  täuschen  vermochte.  Gneisenau's
Scharfsinn  war  über  die  einfache  Wahrheit  keinen  Augenblick  zweifelhaft.
Die  Hofburg  mußte  wünschen  die  norddeutsche  Großmacht  möglichst  weit
in  den  Osten  zu  schieben.  Sie  durfte  nicht  dem  Staate,  der  schon  durch
die  vorspringende  Gebirgsfeste  der  Grafschaft  Glatz  das  östliche  Böhmen
bedrohte,  auch  noch  die  Pässe  des  Erzgebirges  ausliefern;  sie  konnte  noch
weniger  ein  katholisches,  dem  kaiserlichen  Hofe  nahe  verwandtes  Fürstenhaus
  preisgeben,  das  von  jeher  ein  brauchbares  Werkzeug  gegen  Preußen
gewesen.  Und  wie  sollte  sie  die  Entthronung  eines  napoleonischen  Satrapen
  billigen,  da  sie  sich  ja  aus  den  Mittelstaaten  eine  ergebene  österreichische
  Partei  bilden  wollte?  Am  29.  October  schrieb  Gentz  schwer  besorgt
  an  Metternich:  „die  täglich  mehr  am's  Licht  tretenden  ländersüchtigen
Projecte  der  Preußen  werden  uns  dereinst  mehr  zu  schaffen  machen  als
die  Hauptverhandlung  mit  Napoleon  selbst.“  Radetzky  aber  sagte  zu
Frankfurt  in  einer  vertraulichen  Denkschrift:  es  sei  dringend  zu  wünschen,
daß  die  Preußen,  „wie  sie  sich  jetzt  zeigen,“  beim  einstigen  Frieden  möglichst
  wenig  Truppen  übrig  behielten.

Noch  schien  es  nicht  an  der  Zeit,  solche  Gesinnungen  offen  auszusprechen.
  Zu  laut  erklang  noch  selbst  im  sächsischen  Volke  der  allgemeine
Unwille  wider  die  Sünden  des  albertinischen  Hofes;  sogar  der  Welfe