Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Zweiter Teil. Bis zu den Karlsbader Beschlüssen. (25)

Niebuhr.  65

Empfindung,  den  ganzen  Ernst  seines  sittlichen  Urteils  in  die  Darstellung
  jener  Römerkämpfe,  die  den  meisten  seiner  Vorgänger  nur  trockner
Wissensstoff  gewesen  waren;  jede  Wendung  des  oftmals  harten,  immer
edlen  und  ursprünglichen  Stiles  spiegelte  die  tiefe  Bewegung  einer  großen
Seele  wieder.  Den  ersten  Band,  so  gestand  er  selbst,  hätte  er  niemals
schreiben  können  ohne  eine  lebendige  Anschauung  vom  englischen  Staate;
seitdem  hatte  er,  im  Innersten  erschüttert,  die  Stürme  einer  ungeheueren
Zeit  über  den  Staat  seiner  Wahl  dahinbrausen  sehen;  er  fühlte,  wie
ihm  durch  solche  Erlebnisse  das  Verständnis  wuchs  für  die  Geschichte  Roms,
welche  einst,  wie  die  See  die  Ströme,  die  Geschichte  aller  Völker  in  sich  aufgenommen.
  Dann  führte  ihn  sein  diplomatischer  Beruf  nach  Rom  selbst.
Jahrelang  wohnte  er  dort  in  dem  Palaste,  der  auf  hohem  Schuttberge
mitten  aus  den  grandiosen  Trümmern  des  Mareellustheaters  emporsteigt,
  und  obwohl  er  die  Sehnsucht  nach  der  Heimat  niemals  überwand,
so  fand  sich  doch  seine  historische  Phantasie,  die  das  Ferne  und  Fremde
aus  dem  Nahen  und  Vertrauten  zu  erklären  liebte,  auf  Schritt  und  Tritt
mächtig  angeregt.  Die  alte  Welt  trat  ihm  sinnlich  nahe;  in  der  Gestalt
der  Äcker  und  der  Feldflur  erkannte  er  noch  die  Kunstfertigkeit  der  alten
Agrimensoren,  in  dem  Elend  der  modernen  Halbpächter  sah  er  den  Fluch  des
römischen  Latifundienwesens  fortwirken;  und  wenn  er  im  Vatikan  den  alten
Sarkophag  mit  dem  rührenden  Bilde  des  treuen  Ehepaares  beschaute,  dann
war  ihm  zu  Mute,  als  sähe  er  sich  selber  und  seine  verklärte  erste  Frau.

So  erhielt  die  langsam  gereifte  Umarbeitung  und  Fortsetzung  des
Werkes  jenen  eigentümlich  warmen  Ton,  der  selbst  trockenen  Zahlenreihen
und  umständlichen  kritischen  Exkursen  den  Reiz  des  Lebens  gab.  Das
Altertum  hatte  bisher  als  eine  von  der  unseren  völlig  abgetrennte  Welt
gegolten;  hier  aber  erschien  alles  vertraut  und  verständlich,  der  Historiker
schilderte  das  Schicksal  des  C.  Pontius  und  des  Pyrrhus  ebenso  einfach
menschlich  wie  er  vor  kurzem,  in  einer  meisterhaften  Skizze,  das  Leben  seines
Vaters,  des  großen  Reisenden  Carsten  Niebuhr  erzählt  hatte.  Den  recht—
gläubigen  Philologen  der  alten  Schule  war  der  kühne  Kritiker,  der  die  Über—
lieferungen  der  römischen  Königsgeschichte  zerstört  hatte,  längst  ein  Dorn  im
Auge.  Welches  Entsetzen  vollends,  da  er  nunmehr  mit  staatsmännischer
Einsicht  die  Notwendigkeit  jener  langsamen  Revolution,  welche  die  Plebes
zur  Herrschaft  führte,  und  sogar  die  Berechtigung  der  verrufenen  Acker—
gesetze  darlegte;  ja  er  scheute  sich  nicht,  die  neue  Lehre  der  Romantiker,
daß  nur  die  nationale  Dichtung  wahrhaft  lebe,  selbst  auf  die  Klassiker
Roms  anzuwenden  und  sagte  rundheraus:  „wenn  Form  überhaupt  tötet,
so  noch  mehr  die  fremde;  daher  war  die  römische  Literatur  in  einem  ge—
wissen  Sinne  totgeboren!“

Und  doch  lag  selbst  in  diesem  freien  Geiste  ein  Zug  krankhafter,
schwarzsichtiger  Ängstlichkeit,  der  ihn  zuweilen  die  lebendigen  Kräfte  der
Zeit  völlig  verkennen  ließ.  In  finsteren  Augenblicken  beklagte  der  Leiden—

v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  II.  5