Reichsgericht (Strafsachen). 483
sich der Erörterung unterziehen, ob und inwieweit der Angeklagte mit
Rücksicht auf die Sachlage auch von dieser seiner Ehefrau, bei der wohl
die Kenntniß der Gefahr, wie des ergangenen Verbots vorausgesetzt werden
konnte und bezüglich derer nicht festgestellt ist, ob der Ehemann mit einem
Ungehorsam rechnen mußte, die Möglichkeit eines Betretens der Schneidekammer
und des Todes der Ersteren voraussehen konnte. l. Strafsenat.
Urtheil vom 21. Juni 1900.
Eine theilweise Bewegungsunfähigkeit der Hand rechtfertigt
noch nicht die Annahme einer Lähmung im Sinne des
§ 224 StGB. Die Wichtigkeit eines Gliedes im Sinne dieser
Gesetzesstelle wird durch die objektive Bedentung des Gliedes
für den Gesammtorganismus bestimmt.
Wie die Urtheilsgründe feststellen, veranlaßte die durch den Biß des
Angeklagten verursachte Verletzung des H. eine Amputation des Mittelfingers
der linken Hand, sowie eines Theiles des Mittelhandknochens und
die Herausnahme einer Mittelhandsehne und ist in Folge dessen die linke
Hand in der Weise gelähmt, daß ein Schließen und ein festes Greifen
mittels ihrer nicht mehr möglich ist, wodurch die Erwerbsfähigkeit des
Verletzten eine dauernde Minderung um 15%8 erlitten hat.
Das Gericht spricht sich nicht in bestimmter Weise darüber aus, ob
die Körperverletzung zur Folge gehabt habe, daß der Verletzte in Lähmung
verfallen sei. Die getroffenen Feststellungen würden auch diese Annahme
nicht rechtfertigen. Denn wenn das Gesetz von einem Verfallen in
Lähmung spricht und diese Art des Verfallens mit derjenigen in Siechthum
und Geisteskrankheit auf die gleiche Linie stellt, so giebt es zu erkennen,
daß unter Lähmung nicht eine Beschränkung oder Aufhebung der Gebrauchs=
und Arbeitsfähigkeit nur irgend eines einzelnen Gliedes gemeint
sein kann, sondern eine Bewegungs= und Gebrauchsunfähigkeit, die den
körperlichen Organismus als solchen in Milleidenschaft zieht. Eine solche
ist nicht nachgewiesen, wenn auch durch die theilweise Bewegungsunfähigkeit
der linken Hand die Erwerbsfähigkeit des Verletzten gegenüber einem
Arbeiter mit unversehrter Hand dauernd herabgemindert wurde.
Es entsteht daher die Frage, ob die Körperverletzung zur Folge hatte,
daß der Verletzte ein wichtiges Glied des Körpers verloren hat. Da
unter Gliedern des Körpers solche Theile zu verstehen sind, die eine in
sich abgeschlossene Existenz mit besonderen Funktionen im Gesammtorganismus
haben, so fällt auch ein Finger und sogar ein Theil desselben
unter den Begriff eines Gliedes. Das StGB. fordert jedoch zur schweren
Körperverletzung im Sinne des § 224, daß der Verletzte ein wichtiges
Glied des Körpers verloren habe. Die Wichtigkeit eines Gliedes wird