Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Vierter Teil. Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III. (27)

Liebig.  Wöhler.  Joh.  Mülller.  481

erfand  die  Kunst,  die  Kohlensäure  sofort  zu  wiegen,  und  entdeckte  das
Chloroform,  dessen  Nutzbarkeit  erst  nach  Jahren  ganz  gewürdigt  wurde.
Wöhler  aber  eröffnete  einen  überraschenden  Einblick  in  die  letzten  Geheim—
nisse  der  Natur,  als  er  den  Harnstoff  aus  den  Elementen,  ohne  Mit—
wirkung  der  tierischen  Lebenskraft,  herstellte;  damit  war  ein  tausendjähriger
Irrtum  widerlegt  und  der  Beweis  geführt,  daß  zwischen  der  organischen
und  der  unorganischen  Welt  eine  feste  Schranke  nicht  besteht.

Noch  weiter,  bis  zu  jenen  Höhen,  wo  Physik  und  Metaphysik  sich  berühren,
  schritt  der  geniale  Physiologe  Johannes  Müller  in  seinen  Unter—
suchungen  über  den  Gesichtssinn  (1825):  er  zeigte  durch  naturwissenschaft—
liche  Beobachtung,  was  Kant  auf  dem  Wege  der  Spekulation  gefunden
hatte,  daß  wir  die  Dinge  nicht  sehen,  wie  sie  sind,  sondern  wie  sie  uns
nach  der  Beschaffenheit  unserer  Organe  erscheinen  müssen.  Gleich  Liebig
hatte  sich  auch  Müller  von  den  anmaßenden  Voraussetzungen  der  Natur—
philosophie  erst  losgerissen;  jetzt  stand  er  fest  auf  dem  Boden  der  exakten
Untersuchung,  erzog  sich  in  Berlin  einen  glänzenden  Schülerkreis  und  fand
für  die  vergleichende  Anatomie  die  physiologischen  Grundlagen.  Wenn
neue  Gedanken  in  das  deutsche  Leben  einschlagen,  fordert  auch  immer  das
Gemüt  sein  Recht.  Eine  schöne,  herzliche  Freundschaft  verband  die  meisten
der  jungen  Berliner  Naturforscher:  Dove,  Mitscherlich,  Magnus,  die  Ge—
brüder  Rose;  wenn  sie  bei  dem  Physiker  Poggendorff  in  dem  Turmbau
der  alten  Sternwarte  auf  der  Dorotheenstraße  zusammensaßen,  dann  überkam
  sie  die  Ahnung  einer  großen  Zukunft.  Die  Gegenwart  war  freilich
noch  sehr  bescheiden;  diese  werdenden  Wissenschaften  mußten  sich  die  Gleichberechtigung
  erst  erkämpfen.  Nur  die  alteingebürgerte  Astronomie  galt  für
ein  vornehmes  Fach;  für  sie  hatte  auch  der  Staat  immer  offene  Hände.
Er  hatte  einst  mitten  im  Elend  der  napoleonischen  Kriegszeiten  die  Königsberger
  Sternwarte  errichtet,  wo  dann  Bessel  die  Position  der  Fundamentalsterne
  berechnete  und  also  die  Einheit  der  astronomischen  Bestimmungen
  sicherte;  jetzt  baute  Schinkel  die  neue  Berliner  Sternwarte,  die  unter
Enckes  Leitung  eine  Musteranstalt  wurde.  Auch  dabei  half  Humboldts
Fürwort  mit;  er  war  die  wärmende  Sonne  dieses  Planetenkreises.  Aber
erst  in  den  vierziger  Jahren  trat  die  deutsche  Naturforschung  in  ihre
Blütezeit  und  zeigte  sich  stark  genug,  die  Franzosen  erst  zu  erreichen,  dann
zu  überholen.

 

Während  die  Erfahrungswissenschaften  also  ihre  stolze  Siegesbahn  beschritten,
  war  die  Lebenskraft  der  alten  deutschen  Philosophie  schon  gebrochen.
  Ihre  klassische  Zeit  endete  an  Hegels  Grabe.  Wer  nur  von  fern
hinschaute,  mochte  freilich  wähnen,  daß  der  hohe  Tag  der  Hegelschen
Philosophie  erst  nach  dem  Tode  des  Meisters  gekommen  sei,  denn  jetzt  erst
erlangte  sein  Name  den  höchsten  Ruhm,  seine  Schriften  die  weiteste  Verv.

  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  31