Full text : Von Luther zu Bismarck. Zweiter Band. (2)

94  Metternich

stehenden  alten  Regierungen  in  den  meisten  kleinen  deutschen  Staa—
ten  wurden  gestürzt,  machtvoll  durchbrauste  das  Land  der  Gedanke:
Neubau  eines  mächtigen  Deutschlands;  das  konnte  nicht  spurlos  an
Osterreich  und  Preußen  vorübergehen,  ersteres  hatte  diesmal  den
Vorrang.  Am  13.  März  brach  die  Bewegung  in  Wien  los:  Bürger,
Studenten,  Arbeiter  verbanden  sich  mit  den  liberalen  Wortführern
der  Stände.  Ratlos  standen  die  Minister  da  vor  dem  Aufruhr  der
gebildeten  Klassen,  die  man  nicht  mit  Erlässen  und  Versprechungen
beruhigen  konnte,  die  man  nicht  durch  das  Militär  niederkartätschen
wollte.  Der  allgemeine  Sturm  richtete  sich  vor  allem  gegen  den
Staatsmann,  dem  man  alles  üÜble  zuschrieb,  der  geradezu  als  Inkarnation
  der  alten  Zeit  dastand:  gegen  Metternich.  Mit  einer  Art
von  Fatalismus  hatte  dieser  Mann  —  der  schon  75  Jahre  zählte  —
alle  Symptome  der  Bewegung,  die  er  gar  nicht  mißverstehen  konnte,
von  sich  abgewehrt  mit  der  Überzeugung,  daß  er  als  ein  Fels  der
Ordnung  dastehe,  an  den  die  Wellen  der  Neuzeit  sich  nicht  heranwagen
  würden:  er  hielt  sich  für  unersetzlich,  für  unerschütterlich.  Was
nach  seinem  Tode  dann  geschehen  würde,  darum  kümmerte  er  sich
nicht.

Bis  in  die  allerhöchsten  Kreise  hinauf  war  die  Antipathie  gegen
diesen  Mann  gestiegen,  der  in  seinem  Beharrungsvermögen  unbequem
  und  lästig  geworden  war;  es  ist  sicher,  daß  selbst  die  Erzherzogin
  Sophie  im  Gegensatze  zu  ihm  an  Veränderungen  im  Staatsleben
  gedacht  hat.  Der  allgemeine  Ruf  nach  dem  Rücktritte  Metternichs
  fand  in  der  Wiener  Hofburg  ein  lebhaftes  Echo.  In  dem
Augenblicke,  wo  der  Fürst  das  merken  mußte,  ist  er,  überrascht  und
tiefgekränkt,  doch  würdig  und  entschlossen  zurückgetreten:  ungeheurer
Jubel  begrüßte  seinen  Fall  am  Abend  des  verhängnisvollen  13.  März.
Damit  war  freilich  nicht  die  Reihe  der  Opfer  abgeschlossen,  die  das
alte  Osterreich  dem  jungen  bringen  mußte.  Die  nächsten  Tage  und
Wochen  forderten  immer  neue.  Ratlos  und  wahllos  wurden  sie
gebracht;  die  Wiener  Revolution  siegte  auf  der  ganzen  Linie;  die
nationalen  Wünsche  der  Magyaren  und  Slawen  fanden  volle  Befriedigung;
  die  italienischen  Provinzen  drohten  sich  loszureißen  —
alles  kam  in  Fluß,  kam  in  Gärung.  Das  bürgerliche  Element  der
Revolution  zeigte  sich  bald  gesättigt,  nicht  so  das  soziale  und  nationale.
  Der  erste  Reichstag,  der  im  Juli  zusammentrat,  konnte,  abgesehen
  von  der  Bauernbefreiung,  nichts  leisten,  bald  kam  es  zum
Aufstande  in  Prag,  zum  Bürgerkrieg  in  Ungarn.  Und  während  hier
sich  langsam  alle  mit  dem  Gange  der  Bewegung  unzufriedenen  Ele-