Full text: Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Fünfter Teil. Bis zur März-Revolution. (28)

Landrentenbanken. Ostbahn. 625 
man doch nicht wie eine Schuld ansehen. Dasselbe hatte er schon vor 
vier Jahren den Vereinigten Ausschüssen gesagt, damals noch ohne leb— 
haften Widerspruch.*) Seitdem aber waren die staatsrechtlichen Fragen 
mannigfach erwogen und durchdacht worden; man erkannte allgemein, das 
Anleihebewilligungsrecht der Stände verliere jeden Wert, wenn es nicht 
ganz unzweideutig anerkannt würde. Der Minister sah sich also heftig 
angegriffen, manche der Abgeordneten gerieten in eine Aufregung, als ob 
die Krone sie böslich betrügen wollte, und der Gesetzentwurf ward ver- 
worfen. 
Ahnliche Kämpfe, aber ungleich heftiger und bedeutsamer, erneuerten 
sich, als die Regierung den soeben erst vollendeten Gesetzentwurf über die 
Ostbahn nach Königsberg vorlegte. Da das Privatkapital sich versagt 
hatte, so wollte die Krone selbst den gewaltigen Bau in die Hand nehmen?) 
und verlangte darum die ständische Bürgschaft für eine Anleihe von 
22—25½ Mill. Tlr. Die Notwendigkeit des großen Unternehmens 
konnte niemand bezweifeln. Es war für die Volkswirtschaft des bedrängten 
alten Ordenslandes, für die politische Einigung und die militärische 
Sicherheit der Monarchie geradezu eine Lebensfrage, daß der wilde 
Weichselstrom, der bisher nur bei Thorn eine elende, dem Verfalle nahe 
Pfahlbrücke trug, endlich bezwungen wurde und Ostpreußen zu jeder Jahres- 
zeit eine gesicherte Verbindung mit der Hauptmasse des Staates erhielt. 
Die Vorarbeiten waren längst im Gange; ein genialer Ingenieur, Bau- 
rat Lentze hatte schon seit Jahren die Pläne entworfen für die Über- 
brückung der Weichsel und der Nogat bei Dirschau und Marienburg. 
Brücken von so riesiger Spannweite kannte man in Europa, selbst in 
England noch nicht; die Bahn mußte auf weiter Strecke durch die Werder 
acht Fuß unter dem Wasserspiegel der beiden Ströme geführt werden, und 
schon waren an 8000 Arbeiter tätig, um die ungeheueren Deichbauten 
auszuführen. Und dies großartige, dem preußischen Staate zu hohem 
Ruhme gereichende Werk konnte vollendet werden, ohne die Steuerzahler 
irgend zu belasten; die 2 Mill. Tlr., die bereits als jährlicher Staats- 
zuschuß für den Eisenbahnbau angewiesen waren, genügten allein schon, 
um die Anleihe zu verzinsen und zu tilgen. Trotzdem schien die Bewilli- 
gung, wegen der leidlichen Verfassungsfrage, den Ständen ganz unmöglich. 
Die große Mehrheit der Ostpreußen setzte ihren Stolz darein, dem 
Lande zu beweisen, daß sie nicht um ihres Vorteils willen die ständischen 
Rechte preisgeben wollten. Einer ihrer angesehensten Edelleute, Saucken- 
Tarputschen, ein alter Kämpfer aus den Befreiungskriegen, dessen unver- 
brüchliche Treue der König selbst wohl kannte, erklärte feierlich: „Wenn 
ich auch alle Hütten meines Landes durch die Bewilligung des Anlehens 
  
*) S. o. V. 185. 
*) S. o. V. 497. 
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 40
	        
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