Full text : Unser Preußen.

188  Zweiter  Zeitraum.

Da  führen  sie  zum  Thore  hinaus,  still,  ohne  Laut,

Die  kleine  Schar,  die  heiter  dem  Tod  entgegenschaut.

Sie  hatten  kühn  gefochten  mit  Schill  am  Ostseestrand

Und  gehn  nun  kühn  entgegen  dem  Tod  fürs  Vaterland.

Sie  drücken  sich  wie  Brüder  die  Hand  zum  letztenmal,
Dann  stehn  sie  ernst  und  ruhig,  die  elfe  an  der  Zahl.

Und  hoch  wirft  Hans  von  Flemming  die.  Mütze  in  die  Luft,
„Es  lebe  Preußens  König!“  die  Schar  einstimmig  ruft.
Da  knattern  die  Gewehre,  es  stürzt  der  Braven  Reih',
Zehn  treue  Preußen  liegen  zerrissen  von  dem  Bilei.
Nur  einer,  Albert  Wedell,  trotzt  jenem  Blutgericht,
Verwundet  nur  am  Arme  steht  er  und  wanket  nicht.

Da  treten  neue  Schergen,  auch  ihn  zu  morden,  vor.,

Und:  „Gebet  Achtung!  fertig!“  schallt's  schrecklich  ihm  ins  Ohr.
„O  zielet,“  ruft  er,  „besser,  hier  sitzt  das  deutsche  Herzl

Die  Brüder  überleben,  ist  mir  der  größte  Schmerz!

Kaum  hat  er  ausgesprochen,  die  Mörder  schlagen  an,
Durchbohrt  von  ihren  Kugeln  liegt  auch  der  letzte  Mann.

So  starben  tapfre  Preußen,  durch  Schande  nie  befleckt,

Die  nun  zu  ew'gem  Ruhme  ein  Stein  zu  Wesel  deckt.

Am  bedeutendsten  war  der  Zug  der  „schwarzen  Schar“  des  Herzogs
Friedrich  Wilhelm  von  Braunschweig,  eines  Sohnes  des  bei  Auerstädt  tödlich
verwundeten  preußischen  Feldmarschalls.  Er  hatte  in  Schlesien  und  Böhmen
auf  eigene  Kosten  ein  Freikorps  geworben,  um  damit,  während  Napoleon  in
Osterreich  kämpfte,  den  Krieg  in  Norddeutschland  zu  entfachen.  Aber  nach
der  für  Osterreich  ungünstigen  Schlacht  bei  Wagram  schloß  Kaiser  Franz
Frieden,  in  den  der  Herzog  von  Braunschweig  nur  unter  der  Bedingung  aufgenommen
  werden  sollte,  daß  er  auf  sein  Herzogtum  verzichte.  Friedrich
Wilhelm  lehnte  dies  ab;  er  schlug  sich  mit  seinen  Tapferen  mitten  durch  Deutschland
  und  gelangte  über  Halberstadt,  Braunschweig,  Hannover  und  Nienburg  an
die  Unterweser,  wo  er  in  Elsfleth  englische  Schiffe  bestieg,  um  in  die  „deutsche
Legion“  einzutreten  und  in  Spanien  den  Kampf  gegen  Europas  Unterdrücker
fortzusetzen.  Auch  die  Tiroler  hatten  sich  für  Osterreich  erhoben,  waren  aber  in
den  Frieden  nicht  eingeschlossen  worden.  Napoleon  unterdrückte  sie  durch  große
Ubermacht  und  ließ  ihren  Führer  Andreas  Hofer  erschießen.  Kaiser  Franz
aber,  der  sein  treues  Volk  im  Stich  gelassen,  vermählte  wenige  Wochen  nachher
seine  Tochter  dem  stolzen  Sieger,  der  sich  im  Widerspruch  mit  der  Lehre
seiner  Kirche  von  seiner  Gemahlin  getrennt  hatte,  um  durch  die  Verheiratung
mit  einer  Tochter  aus  altem  fürstlichen  Hause  seine  bürgerliche  Abkunft  vergessen
  zu  machen.

So  hatte  Napoleon  seine  Feinde  abermals  zu  Boden  geschlagen.  In
Osterreich  schien  die  Begeisterung  wieder  vollständig  verraucht  zu  sein,  und
seine  Minister,  voran  der  geschmeidige  Metternich,  sahen  das  Heil  Osterreichs
in  dem  engen  Anschluß  an  Frankreich.  Der  Rheinbund  gehorchte  Napoleon
wie  eine  französische  Provinz;  in  einer  schlimmen  Lage  befand  sich  jetzt
Preußen.  Napoleon  wußte  genau,  daß  es  nur  durch  die  Not  gezwungen
die  Waffen  gegen  ihn  nicht  erhoben  hatte,  und  warum  hatte  es  die  Abzahlung
der  Kriegsschuld  unterbrochen?!  An  die  völlige  Erschöpfung  der  preußischen
Geldmittel  wollte  er  nicht  glauben,  sondern  verlangte  drohend  Abzahlung  des