Full text : Die Geschichte Württembergs.

I.  Urgeschichte  Schwabens  und  Württembergs.
Ein  Zeitraum  von  1200  Jahren.

8.  1.
Fand  und  Leute  vor  der  Römerherrschaft.

Wann  unsere  Urväter,  die  alten  Deutschen  h),  von  den  Römern  Ger—
manen  2)  genannt,  in  unser  heutiges  Vaterland  hereingezogen  sind,  ist  nicht
genau  festzustellen.  Schon  im  3.  Jahrhundert  vor  Christi  Geburt  waren  römische
Heere  bis  an  die  Donau  vorgedrungen,  wo  sich  Deutsche  ihnen  anschloßen.  Im
Jahr  113  vor  Christo  aber  brachen  die  Kimbern  und  Teutonen  in  Italien
ein,  schlugen  die  römischen  Heere  und  verbreiteten  überall  ungeheuren  Schrecken.
Erst  dem  tapfern  Marius  gelang  es,  die  Teutonen  bei  Aquac  Sextiae,  dem
heutigen  Badeort  Air  in  Frankreich,  im  Jahr  102,  und  die  Kimbern  in  der
raudischen  Ebene  bei  Vercellae  im  Jahr  101  vollständig  zu  schlagen.
Von  dieser  Zeit  an  blleb  es  in  Deutschland  wieder  ruhig,  bis  Cäsar  in  Gallien
seine  Eroberungen  machte  und  dazwischen  auch  dem  Lande,  östlich  vom  Rhein,
einen  Besuch  abstattete.  Von  da  an  haben  wir  auch  bestimmte  Nachrichten  über
unsere  Voreltern.

Dieselben  haben  bei  ihrer  Ankunft  in  Germanien  die  Kelten  angetroffen,
dieselben  theils  vertrieben,  theils  sich  mit  ihnen  vermischt.  Die  Deutschen  waren
in  mehrere  große  Hauptstämme  getheilt;  einer  derselben  war  der  mächtige  Bund
der  Sueven  oder  Schwaben,  die  in  hundert  Gauen  verelnigt  waren.  Sie
waren  Leute  von  riesigem  Körperbau,  hellblonden  Haaren,  trotzigen  blauen
Augen,  deren  Blick  die  Feinde  nicht  aushalten  konnten.  Das  Land,  das  sie  bewohnten,
  war  ein  großer  Urwald,  der  hereynische  Wald,  von  dem  auch
unser  Schwarzwald  noch  ein  Ueberbleisel  ist.  In  diesem  Wald  wohnten  Auerochsen,
  Elenthiere,  Wölfe,  Bären,  Wlldschweine,  Hirsche,  Rehe  u.  s.  w.,  auf  welche
fleißig  Jagd  gemacht  wurde.  Ueberhaupt  waren  die  Schwaben  ein  Jägervolk,
das  nur  zur  äußersten  Nothdurft  Ackerbau  trieb.  So  bauten  sie  Weizen,  Roggen,
Gerste,  Haber;  sie  brauten  sich  ihren  Gerstensaft.  Die  Kleidung  bestand  aus  den
Fellen  erlegter  Thiere.

So  einfach  ihre  Lebensweise,  so  rein  und  unverdorben  waren  ihre
Sitten.  Der  römische  Geschichtschreiber  Tacitus  stellt  in  seinem  Buche  „Germania“
  seinem  tief  gesunkenen  Römervolke  die  Deutschen  oft  als  Muster  vor.

1)  Deutsch  bezeichnet  die  Nation;  das  Wort  „Volk“  bezeichnete  ursprünglich  das
Gefolge,  das  Kriegsvolk.  Deutsch  kommt  von  diet,  diot  —  Volk  (Nation),
diotisk  =  zum  Volke  gehörig.

2)  Den  Namen  Germanen  gaben  sich  die  Deutschen  nicht  selbst.  Manche  leiten
es  von  ger  =  Speer  ab,  andere  vom  keltischen  gairm  —  Ruf,  Schrei;  nach  dieser
Ableitung  wäre  Germanen  —  Schreier,  d.  h.  ungestüme,  tobende  Krieger.

Staiger,  Geschichte.