Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

580  Veuisches  Reic.  (Mai  15.—16.)

16.  Mai.  —  Abg.  Schiffer  (Natl.):  Der  Staatssozialismus  und
die  Staatsomnipotenz,  unter  der  wir  leben,  haben  vieles  Unersprießliche
gezeitigt,  Handel  und  Wandel  belästigt.  Unter  dem  Uebermaß  von  Verordnungen
  und  Verfügungen  hat  das  Rechtsbewußtsein  des  Volkes  gelitten.
Es  ist  kein  angenehmer  Zustand,  daß  sich  alles  an  die  Staatskrippe  drängt.
Wir  brauchen  selbständige  Existenzen,  die  unabhängig  sind  vom  Staate.
Was  von  unserem  gegenwärtigen  Erleben  übrig  bleiben  wird,  ist  vielleicht
eine  stärkere  sittliche  Kraft.  Mag  der  freie  Wettbewerb  auch  zu  Ausschreitungen
  führen,  so  muß  er  doch  möglichst  bald  wieder  eingeführt  werden.
Wir  möchten  die  Selbständigkeit  des  Einzelnen  erhalten  wissen,  weil  es
die  Grundlage  ist,  auf  der  das  neue  Reich  beruht.  Der  Abg.  Graf  Westarv
hat  mit  Recht  darauf  hingewiesen,  daß  an  dem  falschen  Urteil,  welches  sich
das  Ausland  über  das  Wesen  des  Reichs  gebildet  hat,  nicht  zum  wenigsten
die  Presse  schuld  ist,  die  über  unsere  Zustände  übertriebene  und  einseitige
Darstellungen  gegeben  hat.  Auch  wir  halten  es  für  die  Pflicht  eines  jeden,
der  in  der  Oeffentlichkeit  berufen  ist,  ein  Urteil  über  unsere  inneren  Zustände
  abzugeben,  sich  der  Tragweite  des  gedruckten  oder  gesprochenen  Wortes
bewußt  zu  sein,  und  deshalb  hätte  ich  gewünscht,  daß  auch  der  Abg.  Scheidemann
  sich  der  Tragweite  des  von  ihm  vor  der  Oeffentlichkeit  gesprochenen
Wortes  mehr  bewußt  geblieben  wäre.  Wenn  ich  auch  glaube,  daß  Sie  es
nicht  so  gemeint  haben,  so  war  doch  Ihre  Aeußerung  über  die  Revolution
eine  Entgleisung.  Graf  Westarp  hat  darauf  hingewiesen,  daß  es  doch  für
uns  eine  sehr  nachteilige  Bedeutung  haben  würde,  wenn  in  dieser  Zeit  des
Höhepunktes  des  gewaltigen  Bölkerringens  man  an  den  Grundlagen  unseres
Verfassungslebens  rütteln  wollte,  wie  es  der  Verfassungsausschuß  vorschlage.
  Der  Verfassungsausschuß  hat  aber  diese  Frage  gar  nicht  aufgerollt,
er  fand  sie  mit  der  Neuorientierung  vor.  Graf  Westarp  hätte  sich  dann
dagegen  wenden  müssen,  daß  die  Frage  der  Neuorientierung  jetzt  während
des  Krieges  angeschnitten  worden  ist.  Wir  wollten  mit  dem  Ausschuß  nur
alle  diese  Fragen  in  ein  ruhiges  Fahrwasser  leiten.  Die  Debatten  darüber
sollten  sich  nicht  ins  Uferlose  verlieren,  waren  doch  von  allen  Seiten  die
weitgehendsten  Anträge  gestellt  worden.  Was  wäre  wohl  daraus  geworden,
wenn  alle  diese  Dinge  im  Plenum  beraten  worden  wären.  Wir  hielten  es
für  besser,  diese  Fragen  erst  einmal  in  einem  Sammelbecken  zu  klären.  Das
heißt  natürlich  nicht,  daß  sie  auf  ein  totes  Gleis  geschoben  werden.  Es
trifft  auch  keinesfalls  zu,  daß  durch  die  Beschlüsse  des  Ausschusses  das  Band
zwischen  dem  Obersten  Kriegsherrn  und  dem  Heere  zerschnitten  und  dieses
zu  einem  Parlamentsheer  gemacht  worden  ist.  Wir  beabsichtigen  nur,  hier
einmal  völlige  Klarheit  zu  schaffen.  Um  uns  nicht  in  allen  Dingen,  die
von  den  Personalien  des  Offizierkorps  untrennbar  sind,  an  den  Obersten
Kriegsherrn  wenden  zu  müssen,  wollen  wir  den  Kriegsminister  aus  seiner
jetzigen  unklaren  Lage  befreien  und  tun  damit  ein  gutes  Werk  im  Sinne
der  Monarchie,  wie  sich  ja  auch  das  ganze  konstitutionelle  Wesen  nicht
gegen  den  König  richtet.  Wir  wollen  lediglich  zu  der  Rechtsgrundlage  zurückkehren,
  die  lange  Zeit  bestanden  hat  und  sich  jetzt  wieder  in  den  Beziehungen
  zwischen  Parlament  und  Regierung  durchsetzt.  An  dem  Offizierkorps
  selbst  wollen  wir  nicht  rühren.  Die  Beschlüsse  des  Verfassungsausschusses
sind  bisher  nur  Material  für  die  Zukunft.  Wir  wollen  da  keine  umwälzenden
Dinge  machen,  auch  keine  verfassungsrechtliche  Umschaltung  der  Berhältnisse
zwischen  Parlament  und  Regierung.  Die  Regierung  soll  durchaus  nicht  ein
Ausschuß  des  Parlaments  sein  und  die  Volksvertretung  soll  nicht  dem
König  die  Minister  etwa  aufzwingen.  Wir  bewegen  uns  auf  dem
konstitutionellen  Boden  unserer  Verfassung,  an  dem  wir  nichts
ändern  wollen.  Wir  wollen  nur  eine  tatsächliche  Ausgestaltung  unbeschadet