Full text : Handbuch des Völkerrechts Erster Band. (1)

292  Veschichtl.  Entwickelung  d.  internat.  Rechts=  u.  Staatsbeziehungen  2c.

Der  im  Zusammenhange  der  internationalen  Beziehungen  zu  würdigende
Erfolg  der  Missionen  läßt  daher  erkennen,  daß  die  Ergebnisse  der  Heilsverkündung
  auf  den  ältesten  Culturstätten  des  Orients  weniger  dauernde  und
minder  ausgedehnte  waren,  als  auf  den  später  entwickelten  Culturgebieten  des
Hellenisch-Römischen  Lebens  und  hier  wiederum  nicht  so  tief  in  den  Volksgeist
  einzudringen  vermochten,  wie  in  den  ursprünglichen,  freier  gebliebenen
Geist  des  Germanenthums:  eine  Thatsache,  die  sich  auch  darin  bestätigt,  daß
nur  das  Germanenthum  befähigt  war,  eine  zweite  religiöse  Bewegung  ersten
Ranges  in  der  Reformation  hervorzubringen.  Wo  das  Germanenthum  waltete,
  waren  die  Antriebe  des  religiösen  Lebens  gleichsam  naturgewaltige,  ohne
durch  politische  Ueberlieserungen  gebunden  zu  sein,  die  im  Süden  Europas
dem  Christenthum  seine  Richtung  auf  die  entschiedenere  Ausbildung  der  äußeren
kirchlichen  Verfassungsformen  und  einer  gleichsam  gesetzgeberisch  festgestellten
Dogmatik  anwiesen.

Die  Stärke  nationaler  Culturdifferenzen,  die  den  Gegensatz  der  alten  Germanen
  und  der  Römisch-antiken  Weltperiode  bedingten,  erleichterten  somit  das
Werk  der  Missionen  in  ähnlicher  Weise,  wie  auch  innerhalb  der  Romisch-Hellenischen
  Gesellschaft  es  die  intellectuell  am  wenigsten  vorgeschrittenen  Kreise
gewesen  sind,  die  sich  zur  Annahme  des  neuen  Glaubens  weitaus  schneller
bereit  finden  ließen,  als  die  philosophisch  gebildeten  oder  politisch  leitenden
Klassen  der  Bevölkerung,  während  es  in  den  Waldern  des  nördlichen  Europa
meistentheils  Fürsten  waren,  die  sich  Beispiel  gebend  vor  ihrem  Gefolge  zuerst
taufen  ließen.

Anfangs  wurzelte  das  Missionswesen  nur  in  den  Antrieben  der  Begeisterung.
  Ueberall  empfing  das  Wort  der  Predigt  seine  höchste  Weihe  durch  die
hingebungsvoll  übernommene  Gefahr  des  Martyriums  oder  die  Macht  des
Beispiels,  die  dann  die  Seelen  ergreift,  wenn  Geistesmächte,  deren  Ueberlegenheit
  weniger  erkannt  als  empfunden  wird,  den  Dienst  des  geringeren,  niedriger
stehenden  Menschen  übernehmen.  Aus  dem  urchristlichen  Bedürfniß,  den  Zusammenhang
  zwischen  neu  entstandenen  Gemeinden  und  ihren  Stiftern  zu  erhalten,
  oder  den  abwesenden  Reiseapostel  innerlich  mit  seinen  Gemeinden  zu
verknüpfen,  erwuchsen  die  ersten  Urkunden  der  neuen  Lehre,  die  Botschaft  der
Evangelisten  und  die  Briefe  der  Apostel.  Die  Missionen  bedeuteten  somit  das
Colonisationssystem  des  kirchlichen  Glaubens,  das  den  Erdkreis  zu
seinem  Arbeitsfelde  ausersehen  hatte,  die  Gränzen  der  ehemals  civilisirten  und
staatlich  organisirten  Welt  überschritt,  in  die  Wildniß  des  Barbarenthums  vordrang
  und  in  der  Stiftung  des  christlichen  Gemeinsinnes  unter  wandernden
oder  noch  nicht  ansässig  gewordenen  Stämmen  zur  Zeit  der  Völkerwanderung
absichtlos  auch  in  diesen  die  Befähigung  zum  staatlichen  Leben  weckte  und
förderte.

Als  Rückwirkung  der  missionirenden  Thätigkeit  ergab  sich  dann  nicht  nur
in  den  hervorragend  begabten  oder  thätigen  Geistern  der  kirchlichen  Gemeinde,
sondern  auch  in  der  allgemeinen  Empfindungsweise  der  Völker  ein  Zug  des