Full text : Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirthschaft im Deutschen Reich. Dritter Jahrgang. (3)

521)]  Literatur.  249

Trotzdem  daß  sie  in  Ergland  andere  Namen  führen  und  die  beiden  ersteren  aristokratischen
  Ursprunges  sind,  erscheinen  dennoch  in  ihrer  weiteren  Entwickelung  die
charakteristischen  Gegensätze  des  Kontinents.

Auf  die  alten  Parteien  Frankreichs  und  Deutschlands  übergehend,  behauptet  der
Verfasser,  daß  mit  Napoleon's  Sturz  der  Konservatismus  begonnen  habe,  praktisch
aufzutreten,  und  daß  ihm  sofort  der  Liberalismus  entgegengetreten  sei,  von  daher
aber  die  förmliche  Organisation  der  beiden  Parteien  sich  datire  (S.  9).  Fünf
Seiten  zurück  (S.  4.)  erblickt  der  Verfasser  für  das  kontinentale  Parteiwesen  den
Ausgangspunkt  in  der  französischen  Revolution.  Unseren  Studien  nach  ist  das  Ergebniß
folgendes:  Am  5.  Mai  1789  ward  in  Frankreich  eine  Versammlung  der  Reichsstände
eröffnet.  Als  Klerus  und  Adel  aus  Hochmuth  ihre  Vollmachten  nicht  gemeinsam
mit  dem  dritten  Stande  verificiren  wollten,  konstituirte  sich  der  dritte  Stand  für
sich  als  Nationalversammlung  und  es  trat  hierauf  zu  demselben  die  ülste  des
Klerus  und  eine  ansehnliche  Anzahl  von  Edelleuten.  In  der  Nationalversammlung
organisirte  sich  zum  ersten  Male  die  Parteibildung  durch  Wahl  bestimmter  Sigße.
Auf  der  Linken  saßen  die  Angreifer  des  Alten,  auf  der  Rechten  dessen  Vertheidiger,
im  Mittelpunkt  die  Gemäßigten.  Nach  Umsturz  der  Privilegien  in  der  Sturmnacht
des  4.  August  trat  bei  der  Debatte  über  die  neue  Verfassung  die  principielle  Parteiung
  bestimmter  hervor:  die  Linke  mit  immer  stärkerer  demokratischer  Färbung  und
ihr  gegenüber  Konstitutionelle,  vielsach  aus  der  Blüthe  des  hohen  Adels.  Der  Konservatismus
  ist  denn  daher  doch  wohl  schon  vor  der  Restauration  als  Rechte  und
Konstitutionelle  aufgetreten.  Richtig  ist  nur,  daß  in  der  nach  der  Restauration  unter
Ludwig  XVIII.  am  7.  Oktober  1815  eröffneten  Wahlkammer  die  Oppofition  den
Namen  der  Liberalen  führte,  indeß  wurden  damals  die  Bourbonisten  und  Reaktionäre
  nicht  Konservative,  sondern  Ultras  genannt.  In  der  nach  Auflösung  dieser
Kammern  neugebildeten  unterschied  man  zum  ersten  Mal  eine  äußerste  Linke  und
Rechte  als  die  beiden  Extreme  und  ein  linkes  und  rechtes  Centrum  als  die  Mittelparteien.
  Unter  Karl  X.  wurde  die  opponirende  liberale  Partei  immer  zahlreicher.
Die  Bezeichnung  der  Parteien  nach  den  Sitzen,  auf  der  Linken  oder  Rechten  oder  im
linken  oder  rechten  Centrum  setzte  sich  auch  unter  Louis  Philippe  fort.  Von  geschlossenen
  und  gehörig  organisirten  politischen  Parteien  konnte  unter  der  scheinkonstitutionellen
  Verrschsst  Napoleons  nicht  die  Rede  sein.  Die  Parteien  der  Republik
der  Gezenwart  aber  haben  die  Eintheilung  in  Rechte,  Centrum  und  Linke  mit  ihren
Unterabtheilungen,  leich  den  Parteien  zur  Zeit  der  bourbonistischen  und  orleanistischen
  Monarchie,  wieder  aufgenommen  und  beibehalten.  #

Was  aber  speciell  Deutschland  betrifft,  so  hat  es  dem  Wesen  nach  zwar  in  der
Einzelkammern  Deutschlands  und  in  den  Gesammtversammlungen  des  Nationalparlaments
  Konservative,  Liberale  und  Radikale  gegeben,  und  den  Sitzen  nach:  eine  Rechte  und
Linke,  und  später  auch  Centrum,  aber  die  Bezeichnungen  für  dieselben  waren  wohl
ehr  verschiedene  und  find  es  noch.  So  zählte  z.  B.  der  Reichstag  des  Norddeutschen

undes  fieben  Fractionen:  die  konservative,  die  freikonservative,  das  Centrum,  die
bundesstagtlich-konstitutionelle,  die  nationalliberale,  die  freie  vereinigte  und  die
deutsche  Fortschrittspartei.  In  Bezug  auf  die  erste  Parteibildung  im  Reichstage
sagte  Ludwig  Bamberger:  „Das  überkommene  Partei-Gefüge  hat  sich  durch  das
Schwergewicht  seiner  eigenen  Daseinsgründe  als  ein  berechtigtes  und  unvermeidliches
bewährt."“  Es  bildeten  sich  neben  der  konservativen,  freikonservativen,  nationalliberalen,
  Fortschrittspaxtei  den  nicht  deutschen  Fraktionen  und  der  der  Solialdemokraten
  die  liberale  Reichspartei  und  das  Centrum  der  ultramontanen  Katholiken
  nebst  ihren  protestantischen  Hospilanten,  erstere  als  neue  und  letztere  als
so  kompakte  Partei  heraus  wie  nie  zuvor.  In  neuerer  Zeit  hat  sich  noch  eine  besondere
  deutsch-konservative  Partei,  welche  wohl  auch  so  ziemlich  die  Agrarier  absorbirt
  hat,  gebildet.  Ob  mit  allen  diesen  zahlreichen  Parteien  die  Bildung  von  Parteien
für  den  deutschen  Reichstag  abgeschlossen  ist,  steht  dahin.  Freihandel  oder  Schutz-Loll.
  Regierungsfolge  oder  Opposition  wider  dieselbe  können  vielleicht  noch  zu  neuen
Parteien  führen.  »

Alle  diese  Parteien  sind  aber  aus  deutschen  Zuständen  entstanden,  und  wenn  ihre
Bezeichnungen  wie  Liberale,  Rechte  und  Linke  französischen  verwandt  sind,  so  ist
doch  dadurch  ihr  Wesen  dem  der  Parteien  Frankreichs  nicht  nachgebildet.  Auch  in
Deutschland  wird  sich  die  Sichtung  und  Vereinsachung  des  Parteiwesens  vollziehen
müssen  nach  den  drei  großen  Grundrichtungen:  den  Konservativen  mit  dem  Princip