458 Mürrxzr: Rechnen und Mathematik.
wesentlich kürzen, ohne das vornehmste Ziel des mathematischen Unterrichts,
ein tiefes Eindringen und volles Beherrschen der Theorie und eine klare Einsicht
in den Aufbau des Systems, irgendwie zu gefährden. Hierzu sind in
erster Linie die komplizierten Gleichungen 2. Grades mit zwei Unbekannten zu
rechnen, die weder für den weiteren Ausbau der Gleichungstheorie noch für
die Anwendungen aus der Wissenschaft und dem praktischen Leben von erkennbarem
Nutzen sind, und auch die endlosen Umgestaltungen trigonometrischer
Formeln, zu denen die Additionstheoreme für die drei Winkel eines Dreiecks
in Verbindung mit dem Halbmesser des umgeschriebenen Kreises benutzt werden,
könnte man dem Schüler ersparen; ebenso wird man aus der Kombinatorik alle
Übungen, die nicht für die Wahrscheinlichkeitslehre unbedingt nötig sind, ohne
Bedauern ausgeschieden sehen, u. a. m. Neben einer derartigen sachgemäßen
Beschränkung einzelner Gebiete ist auch zumal für die schriftliche Behandlung
des Übungsstoffs eine Vereinfachung dringend geboten Bei den Konstruktionsaufgaben
kann, wie oben (S. 93) bereits ausgeführt ist, viel überflüssige Arbeit
vermieden werden, und auch bei den Übungen aus der Arithmetik und Algebra
dürfte gegenüber dem bei manchem Lehrer noch üblichen Formalismus und
pedantischen Festhalten an der Forderung, daß der Schüler der Oberklassen
noch jeden Zwischengedanken und jede im Kopfe zu erledigende Zwischenrechnung
schriftlich zu fixieren hat, das Bibelwort „Der Geist ist es, der lebendig
macht“ mehr Beachtung finden. So ist es vielfach möglich, durch Vereinfachung
des Lehrstoffs und des Lehrverfahrens Zeit und Kraft zu gewinnen, die anderen
für die Geistesbildung wichtigeren Gebieten gewidmet werden können.
Ein Teil der freiwerdenden Zeit kann dazu ausgenutzt werden, den Anwendungen
eine erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Der mathematische
Unterricht wird an Wertschätzung und innereın Werte um so mehr gewinnen,
je mehr er dem Schüler zeigt, wie die abstrakten mathematischen
Formen eine sehr konkrete Beziehung zur Außenwelt haben, daß wir mit ihrer
Hilfe nicht nur die Natur, sondern auch unsere wirtschaftlichen, politischen und
Verkehrsverhältnisse, unsere ganze moderne Kultur recht verstehen und in
gewissem Sinne auch beherrschen lernen;!) er kann auf diese Weise in hohem
Grade das Bildungsideal verwirklichen helfen, das nach B. Schwalbe in der
Fähigkeit, unsere Kulturentwicklung zu verstehen,?) und in den Kenntnissen
besteht, welche erforderlich sind, um mit zu derselben beizutragen. F. Klein
bezeichnet es als eine Hauptsache des mathematischen Unterrichts, in dem
Schüler die Überzeugung entstehen zu lassen, daß richtiges Nachdenken
auf Grund richtiger Prämissen die Außenwelt beherrschen läßt,
und knüpft daran die Forderung, daß von Beginn an der Blick auf die Außenmm
m —
1) Vgl. E. Götting in F. Klein, a.a.O., S. 58.
n Vgl. F. Klein, a.a.O., 8.35. Vgl. hierzu auch C. Rethwisch in „Unterrichtswesen
im Deutschen Reich“, S. 40: „Die höhere Schule hat die Aufgabe, die allgemeine
Geistesbildung der Zeit, die einem Volke eigen ist, ihren Schülern zu übermitteln, soweit
deren Aufnahmefähigkeit hierzu ausreicht.“