Die Gesterreichisch= Auserische Menarchie. (April 10.—2. Hälfte.) 163
Am 10. nimmt das Oberhaus das Wehrgesetz in zweiter und
dritter Lesung an.
10. April. (Oesterreich: Abgeordnetenhaus.)
Das Wehrgesetz wird mit den Amendements des ungarischen Reichstages
mit einer Mehrheit von zwei Dritteln angenommen. Die Erklärung
des Antisemiten Türk, das österreichische Bündnis sei für Deutschland wertlos,
Gott möge Deutschland davor behüten, auf Oesterreichs Hilfe angewiesen
zu sein, es würde eine laue oder gar keine Hilfe bekommen, ruft entschiedene
Proteteste von Pleners und des Landesverteidigungs-Ministers hervor,
welche allseitig lauten Beifall finden. Rieger erklärt namens des
Czechenklubs, seine Partei stehe für das deutsch-österreichische Bündnis ein,
welches eine Garantie des europäischen Friedens sei. Fürst Liechtenstein,
Graf Coronini und Steinwender weisen gleichfalls die Aeußerung Türks
zurück, welche Abgeordneter Fiegel auch namens des Verbandes der Deutschnationalen
verleugnet. Der Präsident erteilt Türk eine Rüge.
11. April. (Ungarn: Abgeordnetenhaus) nimmt das
Lossperrgesetz an.
Bei der Debatte über dasselbe unterziehen mehrere Redner der Opposition
das Vorgehen des österreichischen Finanzministers Dunajewsky bei
der Vorlage des österreichischen Lossperrgesetzes einer gereizten Kritik. Der
Ministerpräsident Tisza erwidert darauf, daß das Vorgehen Dunajewsky's
zwar gesetzlich, aber mit der den ungarischen Interessen schuldigen Schonung
nicht vereinbar sei.
22 April. (Ungarn: Finanzpolitik.) Der neue ungarische
Finanzminister Weckerle entwickelt vor seinen Wählern in
Nagybanya sein Programm.
Er bezeichnet als die Fragen, welche die Thätigkeit der letzten zwei
Jahre absorbierten und der nächsten Zukunft ihre politische Signatur verleihen
würden, die Regelung der Finanzen, Herstellung des Gleichgewichts
im Staatshaushalte, Entwicklung der kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse
und Hebung der Wehrfähigkeit. Indem der Minister ausführt,
was in diesen Richtungen bereits geschehen, weist derselbe auf die Ausdehnung
der Konversion auf andere Staatsschulden hin, sobald die Vorbedingungen
dazu vorhanden seien, ferner auf die allmähliche Aufhebung des
Lotto, und auf die Frage der Valuta und Münzeinheit, als auf diejenigen
Fragen, welche eifrige Vorstudien erheischten. Bei einer Besprechung der
Eisenbahn-Verstaatlichungs= und Tarifpolitik betont Weckerle die Notwendigkeit
einer umfassenden Reform des Tarifwesens im Interesse des Hanel
und der Industrie. Der Finanzminister erörtert schließlich die Wehrfrage,
wobei er von der Kultivierung der populären Idee einer selbständigen ungarischen
Armee abmahnt.
2. Hälfte April. (Oesterreich: Tramway-Kutscherstrike.)
In Wien kommt es zu einem allgemeinen Strike der
Tramway-Kutscher infolge von Lohndifferenzen mit den Arbeitgebern.
Die Bewegung wird namentlich von antisemitischen Agitatoren
zu Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung Wiens benutzt.
Am 27. April nehmen sämtliche Kutscher bis auf 12 die
Arbeit wieder auf.
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