Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 2. (2)

Zu erwartende Anträge Österreichs. Mehr kaltes Wasser! Die Versetzung Ungnade? 403 
werden. Nach Art. 47 der Schlußacte wird man mit erheblicher Majorität, auch gegen 
Preußen beschließen, daß die Bedrohung der Lombardei Gefahr für das Bundesgebiet 
involvire; dann entwickelt sich die Sache genau verfassungsmäßig nach Art. 38 weiter; 
danach werden Vertheidigungsmaßregeln  sofort beschlossen, also das Bundesheer aufge= 
stellt, der Oberfeldherr gewählt, und die Wahl fällt auf den Kaiser von Östreich. Dieser 
Oberfeldherr hat verfassungsmäßig eine dictatorische Gewalt über die Kriegsmittel des 
Bundes und ist nicht verbunden, seine Operationspläne irgend jemand mitzutheilen (§ 49 
des Kriegsverfassungsbeschlusses 11. July 1822 und XII der organischen Bestimmungen vom 
9. April 1821). Ich weiß nicht, wie weit unser Wille, einer solchen Wendung Widerstand 
zu leisten, gehn würde; verfassungsmäßig könnten wir nicht viel dagegen einwenden, und 
von unsern Bundesgenossen glaubt wohl keiner daran, daß wir uns nicht schließlich fügen 
würden, wenn der Plan von der andern Seite fest und correct durchgespielt wird. Sie 
nehmen im Gegentheil an, daß wir es nicht bis zur Entwicklung einer östr.=bairischen 
Bundes=Politik auf dem Rechtsboden von Art. 47 werden kommen lassen. Und in der 
That, wenn wir nicht entschlossen sind, gutwillig unsern Strang zu ziehn, so müßten wir 
schon in früheren Stadien eine Haltung annehmen, der gegenüber den andern der Muth 
verginge, uns maßregeln zu wollen. 
Unsrer Depesche vom 12. zolle ich meine volle Anerkennung, aber der Haltung unsrer 
Presse nicht; sie giebt uns zu wohlfeil weg und erschwert das Terrain für die diplo= 
matische Taktik der Folgezeit über Gebühr. Wir sollten mehr kaltes Wasser hinein= 
gießen, wie es die National=Zeitung mitunter thut: aber viel kälter und viel mehr. Daß 
Frankreich eingeschüchtert wird, ist unter allen Umständen nützlich, aber auch daß Östreich 
geängstigt wird. Wenn Frankreich doch losschlägt, so ist uns die „freie Entschließung“ 
durch Mitwirkung unsrer Eignen Presse schon ziemlich schwer gemacht, das Terrain ist sehr 
abschüssig gegen ein Bündniß à tout prix und auf Tod und Leben mit Östreich geworden, 
wie auch die Dinge sich wenden mögen.¹) 
Ich stehe auf dem Sprunge zur Reise nach Norden und warte nur noch auf Usedom; 
fast mit Ungeduld, denn ich liebe die Übergänge nicht. So trübe wie in Berlin, unter dem 
Einfluß der Grippe und nervöser Niedergeschlagenheit betrachte ich meine Sendung nach 
Norden nicht mehr; aber recht begeistern kann ich mich doch noch nicht dafür. Meine 
Collegen fassen diese Versetzung als disgrâce auf, als Desaveu der Rastatter pp. Politik, 
deren Träger ich war. Die Ordensverleihung²) nennen sie ein Pflaster auf meine Wunde 
und erwarten nun, daß Usedom das goldne Zeitalter der Bundespolitik bringen werde. 
Ich wünsche ihm Glück zu den Hoffnungen, die er zu enttäuschen haben wird, wenn er nicht 
den Leporello der östreichischen Don Juan=Politik spielen will. 
D. 19. Ich schließe erst heut diese Zeilen, welche ich Sie als freundschaftliche Plau= 
derei aufzunehmen bitte. Gestern hat der College den Umstand, daß ich wegen Unwohl= 
sein seit einigen Tagen das Zimmer hüte, dergestalt mit Besuchen gemißbraucht, daß ich 
garnicht an den Schreibtisch gelangt bin. Nach Manchem, was ich bei diesen Gesprächen 
vernommen habe, muß ich glauben, daß Östreich, neben der uns mitgetheilten Circular= 
Depesche, vertraulich und mündlich durch seine Gesandten noch weitre Wünsche an die 
Bundesregirungen, wenigstens an die ihm näher stehenden, hat gelangen lassen. Jedenfalls 
ist dabei den Mitgliedern der gemischten Armee=Corps empfohlen worden, sich schon jetzt 
über die Wahl der Corps=Führer zu verständigen, und wenigstens in Dresden und Stutt= 
¹) Bis dahin reicht das Konzept, das im Bismarckjahrbuch abgedruckt ist. 
²) Der Prinzregent  hatte B. den Stern zum Roten Adler=Orden 2. Klasse mit Eichenlaub verliehen.