Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6a. (6a)

Bismarcks Dispensierung von den Geschäften und sein Verkehr mit den Diplomaten. 289 
infolge perfönlichen Eingreifens König Wilbelms I. bei der Endabstimmung am 7. mit 206 gegen 
175 Stimmen angenommen wurde, hatte er sich, gesundbeitlich . leit einiger Seit wieder 
leidend und durch den offen zutage getretenen Grüch mit seinen ebemaligen arteifreunden (ogl. 
dam: Gedanken und Erinnerungen, II, 142 ff., o. Roon, Denkwürdigkeiten, III, 61 ff., S. Aitter, 
Die preußischen Konservativen und Bismarcks deutsche Politik. 1858 bis 1876, S. 282 ff.) stark 
verstimmt, vom Könige bereits am 6. einen Urlaub erbeten. Wohl blieb er vorläufsig in Berlin, 
bedielt auch die Führung der wichtigsten Angelegenbeiten der Außenpolitikk, insbesondere die sich 
eben damals zuspitzende Frage der „Welfenlegion“" in Händen, jedoch erschien er nicht mehr 
in den Sitzungen des Landtags und ließ sich im Verkehr mit den Diplomaten durch Unterstaats- 
lekretär v. Thile vertreten. Zu jseiner Verwunderung erregte seine Zurückhaltung hier und da 
bei den Auslandsvertretern Anstoß. Am 25. Febuar machten Lord Loftus und Benedetti einen 
vergeblichen Bersuch, bei Bismarck vorgelassen zu werden (ogl. dazu Benedettis Bericht vom 
27., Les Origines Diplomatiques, XXI, 4% ss.), worauf Lord Loftus nicht übel Lust bezeigle, 
sich bei seiner Regierung zu beschweren. In seinen „Diplomatischen Srimerungen“ erwähnt der 
Botschafter den Swischenfall nicht. 
Berlin, den 1. März 1868. 
Wie Ew. pp. bereits bekannt sein dürfte, befinde ich infolge starker und andauernder 
Geschäftsüberbürdung mich bereits seit einiger Zeit in leidendem Zustande und habe mich 
behufs Herstellung meiner Gesundheit genötigt gesehen, Allerhöchsten Orts einen mehr- 
wöchentlichen Urlaub zu beantragen, den ich zu einer Erholungsreise zu benutzen gedachte. 
Die ungünstige Witterung einerseits und einige wichtige Amtsgeschäfte, deren Fortführung 
durch mein gänzliches Fernhalten suspendirt worden wäre", haben mich indeß an der Aus- 
führung des letztgedachten Planes verhindert, und ich habe mich darauf beschränken müssen, 
mich mit Genehmigung Seiner Majestät nur von denjenigen Geschäften zu dispenjieren, bei 
denen eine Vertretung ausführbar ist, und die mich zugleich körperlich und geistig vorzugs- 
weise angreifen und ermüden. Zu den letzteren gebört namentlich der regelmäßige perfön- 
liche Berkehr mit den fremden Missionschefs, bei welchen ich, wie Ew. pp. bekannt ist, mich 
von jeher durch den Königlichen Unterstaatssekretär häufig habe vertreten lassen. Diese 
Stellvertretung fand daher in den letzten Wochen in vollem Maße statt, und ich konnte nicht 
erwarten, daß die Mitglieder des diplomatischen Korps hierin etwas Ungewöhnliches oder 
Inkorrektes finden würden. Es mußte mich daher einigermaßen überraschen, als Lord 
A. Loftus, dem jene Verhältnisse und namentlich mein leidender Justand wohl bekannt 
waren, vor wenig Tagen mit einiger Empfindlichkeit hervorhob, daß ihm zwar der mir er- 
teilte Urlaub aus den Zeitungen bekannt sei, das diplomatische Korps aber keine ent- 
Iprechende Benachrichtigung davon erhalten habe. Sch beeilte mich, dieses formelle Be- 
denken durch das in Abschrift anliegende Sirkular: zu beseitigen. 
Weit entfernt bierdurch befriedigt m sein, hat jedoch der gedachte Botschafter seine 
Unzufriedenheit über die von mir getroffene Verfügung mündlich gegen Herrn von Thile in 
lebhafter Weise ausgesprochen. Er hat dabei hbervorgehoben, daß es für ihn und seine 
Kollegen verletzend jsei, zeitweise von mir nicht empfangen zu werden, während ich doch 
mehrfach Seiner Majestät Vortrag bielte, bei der Audien; des amerikanischen Gesandten 
(wie das mehr zufällig bei Gelegenheit eines von Sleinelr Mloajestät) befohlnen Vortrages 
der Fall war'), gegenwärtig gewesen sei, und auch einige andere Geschäfte in der Sigenschaft 
als Bundeskanzler erledige. Er hat binzugefügt, daß er dieserholb an Lord Stanley be- 
richtet habe. 
1 Der Aelatiosatz eigenhändiger Einschub Bismarcks. 
* Das vom 26. Sebruar datierte Zirkular entbielt die WMitteilung, daß wäbrend des ihm. Dismarck, 
vom Könige zur Wiederherstellung seiner Gesundbeit bewilligten Urlaubs, Thile ihn vorläufig vertreten 
werde. 
2 Die Worte in den Klammern eigenhändiger Einschub Bismarcks. 
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