Full text : Lesebuch für die katholischen Volksschulen des Regierungsbezirks Düsseldorf. Zweiter Teil: Mittelstufe. (2)

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so  unerwartet,  daß  ihn  die  Fassung  verließ.  Er  zog  sein  Taschentuch
hervor,  bedeckte  damit  sein  Antlitz  und  ging  so  verhüllt  einige
Schritte  weiter.  Dann  nahm  er  das  Tuch  wieder  weg  und  schritt
ernst  grüßend  nach  seiner  Wohnung.  Die  Menschen,  erschüttert
von  der  Träne  ihres  Herrschers,  blieben  in  tiefem  ehrwürdigem
Schweigen.

304.  Güte  der  Königin  Luise.  Von  Werner  Hahn.

Ar  einem  Frühlingstage  ging  die  Königin  Luise  im  Lustgarten
zu  Potsdam  spazieren.  Da  erblickte  sie  auf  einer  Bank  einen
blassen,  hagern  Mann,  der  aufs  äußerste  erschöpft  und  elend  schien.
Mitleidig  sandte  sie  schnell  einen  Diener  mit  einigen  Geldstücken  zu
ihm.  Sie  dachte  seine  Not  durch  diese  Gabe  zu  lindern.  Als  der
Diener  mit  dem  Geschenk  zu  dem  Manne  trat,  schüttelte  dieser
langsam  und  freundlich  den  Kopf,  wies  die  Gabe  zurück  und  sprach
mit  matter  Stimme:  „Ich  bin  nicht  arm.“  Die  Königin  erfuhr
das,  und  es  schmerzte  sie,  daß  sie  den  Mann  mit  dem  Almosen  gekränkt
  habe.  Schnell  ging  sie  zu  ihm  und  sagte  mit  teilnehmender
Stimme:  „Ich  habe  Ihnen  nicht  weh  tun  wollen.“  Der  Mann
stand  gerührt  vor  seiner  Königin  und  konnte  kaum  ein  Wort  des
Dankes  für  ihre  Teilnahme  sagen.  „Kann  ich  Ihnen  nicht  mit
Geld  helfen,  so  kann  ich  es  vielleicht  auf  andere  Weise“,  fuhr  die
Königin  fort.  Nun  erzählte  der  Mann,  daß  er  den  Winter  über
schwer  daniedergelegen  habe  und  in  der  warmen  Frühlingssonne
jetzt  bei  seinem  ersten  Ausgange  sich  erquicke.  Er  war  ein  wohlhabender
  Bürger  aus  Potsdam.  „So  werde  ich  Ihnen“,  sagte  die
Königin,  „Erfrischungen  senden,  die  Sie  vielleicht  nicht  so  gut  bekommen
  können.  Der  König  liebt  die  Bürger  seiner  Vaterstadt,
und  ich  teile  von  Herzen  diese  Empfindung."  «

Mehr  als  die  Frühlingssonne  hatte  die  Königin  den  Mann
erquickt.  Er  empfing  viele  Wochen  lang  jeden  Mittag  würziges
Obst  und  andere  Erfrischungen,  bis  er  ganz  genesen  war.

305.  Königin  Luise  und  das  häßliche  Kind.

Von  Friedrich  Adami.
Bald  nachdem  Friedrich  Wilhelm  III.  König  geworden  war,  machte
er  mit  seiner  Gemahlin  eine  Reise  durch  die  Provinzen  seines
Reiches.  Einmal  war  der  König  zurückgeblieben,  und  die  Königin
  kam  nachmittags  allein  nach  der  Stadt  Stargard  in  Pommern.