Full text : Central-Blatt für das Deutsche Reich. Zwölfter Jahrgang. 1884. (12)

Und  die  Derwirklichung  dleses  Gedankene  war  es,  die  England  nun  ungesäumt
  und  mit  selner  ganzen,  von  jeder  moralischen  und  gefüblemäßigen
Hemmung  freien  Tatkraft  in  Angriff  nahm.  Oes  teuflisch  großen,  teuflisch
schändlichen  Gedankens  der  Hungerdlockade,  zu  der  sich  die  Rohstoffdlockade
  gesellte.

4.

Die  ODurchführung  dieses  Gedankens  hatte  vom  ersten  Tage  der  Kriegserkldrung
  an  Englande  Verhalten  und  damit  den  Adlauf  der  kriegerischen  Erelgnisse
  aus  der  dritten  Front  bestimmt  —  auf  der  Seefront.

Während  unsere  Aufmerksamkeit  disher  der  Betrachtung  fast  unüder--sehdar
  weiter,  aber  doch  immerhin  geographisch  degrenzter  Schlachtgefilde
zugewandt  gewesen  war,  tut  sich  nun  vor  unserem  schwindelnden  Auge  der  Blick
auf  die  Unermeßlichkelt  des  Weltmeeres  auf.  Des  Weltmeeree,  auf  dem  die
deutsche  Phantasie  erst  seit  wenigen  Jahrzehnten  beimlsch  zu  werden  sich  angeschickt
  hatte  —  und  von  dem  wir  peute  wleder  in  unsere  stickige  Festlands--enge
  zurückgebannt  sind  .

Aus  descheidensten  Anfängen  hatte  sich  unser  deutscher  Uderseehandel
und  Schlffescerkehr  in  wahrhaft  schwindelndem  Zeltmaß  zu  weltumspannender
Bedeutung  emporgereckt.  Diel  langsamer,  fast  schüchtern  war  ihm  die  Entwicklung
  unserer  Seekriegemacht  gefolgt.  Ader  immer  noch  viel  zu  stürmisch  und
auffallend,  als  daß  England  es  ertragen  zu  müssen  geglaubt  hätte.

Denn  England  hatte  sich  seit  dem  achtzehnten  Zahrhundert  zu  einer  Sonderstellung
  unter  den  Bölkern  der  Erde  aufgeschwungen,  welche  ihm  die  Macht  gab,
auf  allen  Meeren  des  Erdballe  seinen  Willen  durchzusetzen.

Wohl  hatte  schon  im  Jahre  1609  der  Begründer  der  Völkerrechtewissenschaft,
  der  große  niederländische  Jurist  Zugo  Grotius  in  seinem  derühmten
Werke  vom  „„Mare  liberum“  den  Begriff  der  Freiheit  der  Meere  ausgestellt.
Den  Grundsatz  also,  daß  das  grenzenlose  Weltmeer  nicht  den  Hobeiterechten
eines  einzelnen  Staates  oder  Volkes  unterworfen  sein  könne,  sondern  Eigentum
der  ganzen  Menschheit  sei.  Und  dleser  Grundsatz  war  von  der  Cheorie  aller
Völker  angenommen  worden.

In  der  Praxie  ader  hatten  sich  die  Oinge  ganz  anders  entwickelt.  Während
alle  anderen  Staaten  der  Erde  ihre  ganze  Ledenskraft  vorzugsweise  der  Erringung,
  Befestigung  und  Ausbreitung  ihrer  Macht  üder  möglichst  welte  und
wertvolle  Strecken  des  festen  Landee  dienstbar  gemacht  hatten,  war  England
leit  nahezu  zweihundert  Jahren  seinen  desonderen  Weg  gegangen:  es  hatte
die  Entwicklung  seiner  Seemacht  zur  Grundlage  seiner  Politik  gemacht  und
Landgewinn  nur  ale  Frucht  und  Grundlage  seiner  Seeherrschaft  erstrebt.

Die  Erfindung  der  Dampfmoschine,  der  höchste  Triumph  und  Trumpf
englischen  Geistes,  hatte  diese  Entwicklung  vollendet.  Die  englische  Handeleflagge
  deberrschte  die  Meere,  und  neden  ihr  wehte  schützend  und  dräduend  allüberall
  die  englische  Krlegsflagge.

.  Allerdinge  hatten  die  üdrigen  „Weltmächte“  —  sie  waren  eigentlich  neden
England  samt  und  sondere  nur  große  Landmächte  —  dleser  Entwicklung  nicht
ohne  Besorgnie  zugesehen.  Und  an  Versuchen,  eine  Seemacht  zu  gründen,

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