Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierunddreißigster Jahrgang. 1918. Zweiter Teil. (59b)

Rußland.  (Juli  16.)  453

stadt  des  Roten  Ural,  Jekaterinburg,  ernstlich  Gefahr  der  Annäherung
tschecho-slowak.  Banden.  Zu  gleicher  Zeit  wurde  eine  neue  Verschwörung
von  Gegenrevolutionären  aufgedeckt,  die  den  Zweck  hatte,  den  gekrönten
Henker  den  Händen  der  Sowjetbehörden  zu  entreißen.  Angesichts  aller  dieser
Umstände  beschloß  das  Präsidium  des  Provinzialsowjets  des  Ural,  Nikolaus
Romanow  zu  erschießen,  was  am  16.  Juli  ausgeführt  wurde.  Die  Gattin
und  der  Sohn  Nikolaus  Romanows  wurden  an  eine  sichere  Stelle  gebracht.
Die  Dokumente  über  die  entdeckte  Verschwörung  wurden  durch  Sonderkurier
nach  Moskau  gesandt.  Nach  Mitteilung  dieser  Nachricht  erinnerte  Genosse
Swerdlow  an  die  Geschichte  der  Ueberführung  Nikolaus  Romanows  aus
Tobolsk  nach  Jekaterinburg  (s.  S.  424),  als  eine  ebensolche  Organisation
Weißer  Gardisten  zum  Zwecke  der  Veranstaltung  einer  Flucht  Nikolaus
Romanows  aufgedeckt  wurde.  In  der  letzten  Zeit  (s.  S.  432)  beabsichtigte
man,  den  ehem.  Zaren  wegen  aller  seiner  Verbrechen  gegen  das  Volk  vor
Gericht  zu  stellen,  und  nur  die  gegenwärtigen  Ereignisse  haben  die  Verwirklichung
  dieses  Gerichts  verhindert.  Das  Präsidium  des  H.  V.  A.  nahm
in  Erwägung  aller  dieser  Umstände,  die  den  Provinzialsowjet  des  Ural  zu
seinem  Entschlusse  drängten,  folgende  Resolution  an:  „Der  allruss.  H.  V.  A.
anerkennt  durch  sein  Präsidium  den  Beschluß  des  Provinzialsowjet  des  Ural
als  gerechtfertigt.“  Der  Vorsitzende  teilte  dann  mit,  daß  der  H.  V.  A.  im
Besitz  außerordentlich  wichtigen  dokumentarischen  Materials  ist:  die  eigenhändigen
  Tagebücher  Nikolaus  Romanows,  die  er  von  seiner  Jugend  bis
in  die  allerletzte  Zeit  führte,  die  Tagebücher  seiner  Gattin  und  seiner
Kinder,  sein  Briefwechsel  usw.  Darunter  befinden  sich  Briefe  Rasputins
an  Romanow  und  an  seine  Familie.  Alle  diese  Materialien  werden  gesammelt
und  in  allernächster  Zeit  veröffentlicht  werden.

Ein  Dekret  der  Sowjetregierung  v.  19.  Juli  erklärt  das  gesamte
Eigentum  des  Exzaren  sowie  der  Exzarinnen  Alexandra  und  Maria
und  sämtlicher  Mitglieder  des  ehem.  Kaiserhauses  als  Besitz  der  russ.  Republik.
Einbegriffen  in  die  Konfiskation  sind  sämtliche  Einlagen  der  Exzarenfamilie
in  russ.  und  ausländ.  Banken.  Alle  Personen  und  Institutionen,  welche
wissen,  wo  sich  derartiges  Gut  befindet,  sind  verpflichtet,  innerhalb  von
zwei  Wochen  den  Innenkommissariaten  entsprechende  Mitteilung  zu  machen.
Für  vorsätzliche  Nichtmitteilung  unterliegen  Schuldige  der  Verantwortung
wie  bei  Aneignung  staatlichen  Besitzes.

Nachdem  längere  Zeit  über  das  Schicksal  der  Zarenfamilie  Unsicherheit
  geherrscht  hatte,  wurde  durch  gerichtliche  Untersuchungen,  die  auf  Anordnung
  der  Koltschakschen  Regierung  an  Ort  und  Stelle  vorgenommen
wurden,  einwandfrei  festgestellt,  daß  in  der  Nacht  vom  16./17.  Juli  nicht
nur  der  frühere  Zar,  sondern  auch  seine  Gemahlin,  sein  Sohn,  seine
vier  Töchter,  sowie  die  Hofdame  Wyrubowa,  der  Arzt  Dr.  Botkin
und  Dienerschaft,  insgesamt  13  Personen,  im  unteren  Erdgeschosse  des  ihnen
zur  Wohnung  angewiesenen  Hauses  des  Kaufmannes  Ipatjew  in  Jekaterinburg
  ohne  gerichtliche  Förmlichkeit  von  der  lettischen  Wachmannschaft  auf
barbarische  Weise  erschossen  wurden.  Die  Leichen  wurden  am  nächsten  Tage
heimlich  auf  einem  Lastautomobil  aus  der  Stadt  geschafft  und  in  einem
Walde,  18  Werst  von  Jekaterinburg  entfernt,  verbrannt.  Wie  aus  den  oben
mitgeteilten  amtlichen  Kundgebungen  ersichtlich  ist,  wurde  die  Beseitigung
der  Familie  des  Exzaren  zunächst  der  Oeffentlichkeit  verheimlicht.  In  Jekaterinburg
  wurden  in  diesen  Tagen  auch  der  Hofmarschall  des  Exzaren
Fürst  Dolgorukow  und  der  Generaladjutant  Gen.  Tatitschtschew  von
den  Bolschewisten  ermordet.  Nach  der  Besetzung  Jekaterinburgs  durch  die
Armee  Koltschaks  wurde  (nach  russ.  Blättern)  eine  offizielle  Trauerfeier  für
den  Zaren  und  seine  Familie  veranstaltet.  Die  Ueberreste  sollen  zur  einst-