38 3. Internationale Lage.
Es gibt Zeiten, wo es sich empfiehlt, die Lage breit zu behandeln; es gibt
Zeiten und Umstände, wo es angezeigter ist, sich kurz zu fassen. Ich werde
heute nur wenige Fragen und nur solche behandeln, von deren Erörterung
ich ein nützliches Ergebnis erwarte.
In einem großen Teil unserer Presse ist in den letzten Wochen die
Ansicht entwickelt worden, daß Jtalien nur noch als ein unsicherer
Teilnehmer am Dreibunde gelten könne. Diese Meinung wurde namentlich
geäußert in Betrachtungen über die Begegnung von Gaeta, die im Gegensatz
zu den ruhigen und sachlichen Ausführungen, die wir soeben von allen Seiten
des Hauses gehört haben, vielfach den Charakter einer Nervosität trugen,
die im Auslande niemandem imponiert, weil sic kein Zeichen selbstbewußter
Kraft ist, und vor der deshalb unsere Presse sich hüten sollte.
(Bravol)
So oft unser Kaiser im Mittelmeer geweilt hat, ist er mit dem Rönig von
Italien zusammengetroffen. Es war ganz natürlich, daß der König von
England die italienische Küste nicht besucht hat, ohne von dem Herrscher
des befreundeten Landes begrüßt zu werden. Zwischen Italien und England
haben freundschaftliche Beziehungen bestanden von der Zeit ab, wo Italien
seine nationale Einheit erlangte. Solche Beziehungen sind vorhanden
gewesen, seitdem der Dreibund besteht. Es ist mehr als einmal von dieser
Bank aus dargelegt worden, daß solche freundschaftlichen Beziehungen
zwischen Italien und England nicht nur mit der Stellung Italiens im
Dreibund vereinbar, sondern daßsie an und fürsich nützlich und erwünscht sind.
Die Vorgänge in Marokko verfolgen wir aufmerksam, aber ohne
Argwohn im Vertrauen auf eine allseitige loyale Einhaltung der in Algeciras
eingegangenen Verpflichtungen. Über Einzelheiten des Vorgehens und
der Maßregeln in Marokko können ja unter den Unterzeichnern der Algecirasakte
Meinungsverschiedenheiten entstehen; ich rechne aber für alle solche
Fälle auf die klärende Wirkung einer direkten offenen Aussprache. Nach
wie vor verfolgt Deutschland in Marokko keine anderen Ziele, als im wirtschaftlichen
Wettbewerb gleichberechtigt zu sein.
Wie ich somit keinen neuen Anlaß zur Trübung unseres Verhältnisses
zu Frankreich sehe, vielmehr auf ein allmähliches Schwinden des
Mißtrauens hoffe, so stelle ich auch gerne fest, daß zwischen uns und England
keine Streitfragen vorhanden sind, die die von den besonnenen
Elementen in beiden Ländern unterstützten freundlichen Bestrebungen
stören könnten.
(Bravol)