Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

42  Beutsches  Reich.  (Januar  18.)

zum  Schaden  der  Arbeiterklasse  zu  bekämpfen.  Das  disziplinwidrige,  jeder
Demokratie  hohnsprechende  Treiben  dieser  Sonderbündler  hat  mit  seinen  häßlichen
  Begleiterscheinungen  eine  zunehmende  Zerrüttung  der  Partei  herbeigeführt.
  Sonderorganisationen,  gegen  die  Politik  der  Partei  gerichtete  Kundgebungen
  und  schließlich  auch  Gegenkandidaten  gegen  die  Kandidaten  der  sozialdemokratischen
  Partei  bei  Wahlen  waren  die  unausbleibliche  Folge  dieses
verderblichen  Vorgehens  der  anarchosyndikalistischen  Opposition  und  der
mit  dieser  verbündeten  Arbeitsgemeinschaft.  Selbst  vor  dem  Boykott  des
Zentralorgans  der  Partei  und  anderer  Parteizeitungen  schreckte  die  Opposition
  nicht  zurück.  Jetzt  haben  die  Leiter  der  Arbeitsgemeinschaft  ihr
parteizerstörendes  Werk  gekrönt  durch  die  Einberufung  einer  Reichskonferenz
der  Opposition.  Ihr  Vorgeben,  sie  wirkten  für  die  Einheit  der  Partei  und
im  Rahmen  der  Partei,  ist  damit  in  seiner  ganzen  Unehrlichkeit  enthüllt.
Sie  haben  sich  als  Parteileitung  ausgetan  und  zum  7.  Jan.  d.  J.  Parteiorganisationen
  und  Sonderorganisationen  nach  Berlin  zusammenberufen.
Sie  haben  dort  unter  anderem  beschlossen:  „Die  Orts-=  und  Kreisorganisationen,
  deren  Mehrheit  die  Auffassung  der  Opposition  teilt,  haben  in
stete  enge  Fühlung  zueinander  zu  treten.  Dort,  wo  die  oppositionellen.
Genossen  nicht  die  Mehrheit  in  der  Organisation  haben,  haben  sie  im
Rahmen  des  Parteistatuts  unermüdlich  für  die  Ausbreitung  ihrer  Anschauungen
  zu  wirken  und  zur  Erfüllung  der  der  Opposition  im  Interesse  der
Partei  obliegenden  Aufgaben,  sowie  zur  eigenen  Belehrung  in  geeigneter
Weise  einen  Zusammenschluß  herbeizuführen.“  Das  ist  die  Gründung
einer  Sonderorganisation  gegen  die  Partei  und  die  Mitglieder
der  Arb.  wie  ihre  Anhänger  haben  sich  nunmehr  auch  von  der  Partei  selbst
getrennt.  Die  Schaffung  dieser  Sonderorganisation  und  die  Zugehörigkeit
  zuhr  ist  unvereinbar  mit  der  Mitgliedschaft  in  der
Gesamtpartei.  Daher  ist  es  nun  Aufgabe  aller  treu  zur  Partei  stehenden
Organisationen,  dem  unehrlichen  Doppelspiel  aller  Parteizerstörer  ein  Ende
zu  machen  und  die  durch  die  Absplitterung  der  Sonderorganisationen  erforderlichen
  organisatorischen  Maßnahmen  zu  ergreifen.  Die  Einheit  und
Geschlossenheit  der  Partei  zu  festigen,  damit  sie  den  gewaltigen  Aufgaben
gewachsen  ist,  die  sie  noch  während  des  schrecklichen  Weltkrieges  und  nach
seiner  Beendigung  zum  Wohle  der  Arbeiterklasse  und  der  weitesten  Volkskreise
  im  Geiste  sozialistischer  Weltanschauung  zu  erfüllen  hat,  ist  Aufgabe
aller  Parteigenossen.

Die  überwiegende  Mehrzahl  der  Parteiblätter  billigt  den  Beschluß  des
Parteivorstandes,  der  als  Klärung  empfunden,  aber  nicht  frohen  Herzens
begrüßt,  sondern  als  bitterste  Notwendigkeit  anerkannt  wird.  Vereinzelt
wird  der  Hoffnung  auf  eine  spätere  Einigung  Ausdruck  gegeben.  Der
„Vorwärts“  schreibt:  Die  Sprache  dieser  Resolution  ist  klar.  Sie
konnte  nicht  anders  lauten,  wenn  nicht  das  gesamte  Parteileben  völliger
Anarchie  anheimfallen  soll.  Das  aber  darf  nicht  sein.  Das  zu  verhindern
  sind  wir  denen  schuldig,  die  in  der  schwersten  Zeit  des  Reiches
draußen  Heim  und  Herd  verteidigen  und  denen  wir  die  Partei,  die  sie
mit  groß  gemacht  haben,  erhalten  müssen.  Würde  die  Partei  diesem  Treiben
noch  länger  zusehen,  so  würde  sie  jedes  Ansehen  in  den  Augen  der  Arbeiter,
jede  Achtung  bei  den  Gegnern  verlieren.  Den  Bruch  mit  der  Partei  hat
die  Sozialdemokratische  Arbeitsgemeinschaft  mit  ihrem  weiter  links  stehenden
  Anhang  vollzogen.  Die  berufenen  Körperschaften  der  Partei  haben
aus  diesem  Vorgehen  nur  die  notwendige  Konsequenz  gezogen.  Sie  sind
damit  in  Uebereinstimmung  mit  der  ganzen  Tradition  der  Parteit,  die  in
Partei  und  Gewerkschaften  stets  jegliche  Sonderorganisation  verurteilt  und
bei  aller  Meinungsfreiheit  niemals  eine  Störung  ihrer  Aktionen  geduldet