Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Oltober 15. 17.) 145
erhalten hat als andere Mächte. Hinsichtlich des bulgarischen Vorgehens
hat der Staatssekretär betont, daß man in Berlin den Schritten der dortigen
Regierung nicht nur fremd gewesen, sondern in peinlichster Weise
durch sie überrascht worden ist. Die deutsche Regierung hat in Sofia auch
keinen Zweifel darüber gelassen, daß man hier in eine Erörterung über
die Anerkennung der Unabhängigkeit Bulgariens keinesfalls eintreten würde,
bevor nicht die bulgarische Regierung eine befriedigende Lösung der Frage
der orientalischen Bahnen gefunden habe. Diese Lösung kann zunächst nur
auf dem Wege der Verhandlungen mit der Türkei erfolgen.
Oktober. Nach Versuchen des deutschen ostasiatischen Geschwaders
bewährt sich die Hungschan-Kohle vortrefflich. (Vgl. Rohrbach,
Deutsch-chinesische Studien. „Preußische Jahrbücher“ Bd. 134.)
Mitte Oktober. Die geplante Nachlaßsteuer wird von den
Konservativen heftig bekämpft; die „Kreuzzeitung“ schlägt zum
Ersatz eine Reichsvermögenssteuer vor. Die „Norddeutsche Allgemeine
Zeitung“ lehnt es ab, weil die Bundesstaaten die Vermögenssteuer
nicht entbehren könnten.
Oktober. Zahlreiche Petitionen gehen an die Ministerien
der Einzelstaaten, die im letzten Jahre wiederholt vorgekommenen
Nacktdarstellungen als unsittlich zu verbieten.
15. Oktober. (Reichstagswahl.) Bei der Ersatzwahl in
Prenzlau erhält Oberpräsidialrat v. Winterfeldt-Menkin-Potsdam
(kons.) 11055, Pastor Schmidt-Massow (lib.) 2704 und Tapezierer
Wels-Berlin (Soz.) 3033 Stimmen.
17. Oktober. (Berlin.) Die „Tägliche Rundschau“ veröffentlicht
eine von zuständiger Stelle ausgesprochene Ansicht über das
Konferenzprogramm:
„Hiernach geht die Auffassung an hiesiger amtlicher Stelle dahin,
daß kein Konferenzprogramm vorliege, sondern nur eine Mitteilung der
betreffenden Mächte an unsere Vertreter, welche eine Anzahl von Punkten
enthält, die als Grundlage für einen von diesen Mächten gewünschten
Meinungsaustausch anzusehen sind, auf welcher die Signatarmächte des
Berliner Vertrages über das Programm, mit dem man auf eine Konferenz
gehen könnte, beraten dürften. Vorderhand könne man sich über die Aufnahme,
die diese Vorschläge gefunden haben, noch nicht bestimmt äußern,
soviel sei aber gewiß, daß noch nicht alle Schwierigkeiten für eine Konferenz
behoben seien. Die Enttäuschung in Konstantinopel sei sehr groß. Die
Lage sei um so schwieriger, als durch die den kleinen Balkanstaaten einmal
in Aussicht gestellten Kompensationen Gelüste erweckt worden seien, die bei
der Aufstellung eines endgültigen Programms viele Schwierigkeiten machen
und die sich nicht befriedigen lassen werden. Daran wird, so möchten wir
hinzufügen, auch der Besuch des Herrn Milanowitsch in Berlin nichts ändern.
Man wird ihn höflich und nicht kühl empfangen, aber er wird wohl dasselbe
von Berlin heimbringen, was schon unser Vertreter in Belgrad dort
offiziell übermittelt hat: Eine Mahnung an Serbien zu ruhiger und gemäßigter
Haltung.“
Europäischer Geschichtskalender. XLIX. 10