Der Vortrag des Verses. 31
die Kontinuität bewahren und den Ton entschieden in gleicher
Höhe oder Lage vom Ende des Verses zum Anfang des folgenden
herüberziehen.
Zu diesem Absetzen verführt besonders der Reim in gereimten
Versen. Der Reim hat etwas so in das Ohr Fallendes daß
man nur zu leicht versucht wird ihn hervorzuheben, ihn in das
Ohr fallen zu machen, und man thut das nur zu gern nicht
nur durch einen leichten Nachdruck, sondern auch durch ein
Absetzen. Wie fehlerhaft das ist, wird man gleich an einem
Beispiele erkennen, wo ein Verhältniswort, also ein im Tone
untergeordnetes Wort den Reim bildet.
„Und an dem Herzen nagte mir
Der Unmut und die Streitbegier.“
Man darf also auch den Reim nicht besonders durch den
Ton bezeichnen, sondern muß den Ton von einem Verse zum
andern herüberziehen, wenn nicht nach dem Reime der grammatische
Bau ein Absetzen gestattet.
Ubung.
Wir passen auf umsonst. Es will sich niemand
Heranbegeben und dem Hut sein' Reverenz
Erzeigen.
Nur schlecht Gesindel läßt sich sehn und schwingt
Uns zum Verdrusse die zerlumpten Mützen.
Was rechte Leute sind, die machen lieber
Den langen Umweg um den halben Flecken.
Sie müssen über diesen Platz, wenn sie
Vom Rathaus kommen um die Mittagsstunde.
Vater, ist's wahr daß auf dem Berge dort
Die Bäume bluten, wenn man einen Streich
D'’rauf führte mit der Axt?
So ist's und die Lawinen hätten längst
Den Flecken Altorf unter ihrer Last
Verschüttet, wenn der Wald dort oben nicht
Als eine Landwehr sich dagegen stellte.
Gestrenger Herr, ich bin dein Waffenknecht und
Wohlbestallter Wächter bei dem Hute.
Mein Volk verließ ich, meinen Blutsverwandten
Entsagt' ich, alle Bande der Natur
Zerriß ich!