Volltext : Der Mündliche Vortrag. Dritter Teil. Schönheit des Vortrags. (3)

Der  Vortrag  des  Verses.  31

die  Kontinuität  bewahren  und  den  Ton  entschieden  in  gleicher
Höhe  oder  Lage  vom  Ende  des  Verses  zum  Anfang  des  folgenden
  herüberziehen.

Zu  diesem  Absetzen  verführt  besonders  der  Reim  in  gereimten
Versen.  Der  Reim  hat  etwas  so  in  das  Ohr  Fallendes  daß
man  nur  zu  leicht  versucht  wird  ihn  hervorzuheben,  ihn  in  das
Ohr  fallen  zu  machen,  und  man  thut  das  nur  zu  gern  nicht
nur  durch  einen  leichten  Nachdruck,  sondern  auch  durch  ein
Absetzen.  Wie  fehlerhaft  das  ist,  wird  man  gleich  an  einem
Beispiele  erkennen,  wo  ein  Verhältniswort,  also  ein  im  Tone
untergeordnetes  Wort  den  Reim  bildet.

„Und  an  dem  Herzen  nagte  mir
Der  Unmut  und  die  Streitbegier.“

Man  darf  also  auch  den  Reim  nicht  besonders  durch  den
Ton  bezeichnen,  sondern  muß  den  Ton  von  einem  Verse  zum
andern  herüberziehen,  wenn  nicht  nach  dem  Reime  der  grammatische
  Bau  ein  Absetzen  gestattet.

Ubung.

Wir  passen  auf  umsonst.  Es  will  sich  niemand
Heranbegeben  und  dem  Hut  sein'  Reverenz
Erzeigen.
Nur  schlecht  Gesindel  läßt  sich  sehn  und  schwingt
Uns  zum  Verdrusse  die  zerlumpten  Mützen.
Was  rechte  Leute  sind,  die  machen  lieber
Den  langen  Umweg  um  den  halben  Flecken.
Sie  müssen  über  diesen  Platz,  wenn  sie
Vom  Rathaus  kommen  um  die  Mittagsstunde.
Vater,  ist's  wahr  daß  auf  dem  Berge  dort
Die  Bäume  bluten,  wenn  man  einen  Streich
D'’rauf  führte  mit  der  Axt?
So  ist's  und  die  Lawinen  hätten  längst
Den  Flecken  Altorf  unter  ihrer  Last
Verschüttet,  wenn  der  Wald  dort  oben  nicht
Als  eine  Landwehr  sich  dagegen  stellte.
Gestrenger  Herr,  ich  bin  dein  Waffenknecht  und
Wohlbestallter  Wächter  bei  dem  Hute.
Mein  Volk  verließ  ich,  meinen  Blutsverwandten
Entsagt'  ich,  alle  Bande  der  Natur

Zerriß  ich!