594 Janssen: Der Gesangunterricht
DER GESANGUNTERRICHT.
Von Dr. Kar Jansen.
Leben atme die bildende Kunst, Geist fordr’ ich vom Dichter;
Aber die Seele spricht nur Polyhymnia aus.
Schiller.
Unter den Mitteln, deren sich die höhere Schule zur harmonischen Durchbildung
ihrer Zöglinge bedient, nimmt auch die Einführung in die Gebiete des
Schönen einen verhältnismäßig breiten Raum ein. In gewissem Maße ist jedes
Unterrichtsfach hierbei beteiligt, selbst die Mathematik einbegriffen. Die meiste Berücksichtigung
findet naturgemäß die Dichtkunst; sie umwebt mit ihrem duftigen
Schleier den gesamten Unterricht in der Muttersprache und von den mittleren
Klassen an auch den in den Fremdsprachen. An sie reihen sich, ebenfalls im
Sprachunterrichte, gelegentliche Unterweisungen über Werke der bildenden Kunst.
Aber je mehr die Schule sich auf diesen Gebieten mit der Anbahnung eines
gewissen Verständnisses begnügen muß und bei Dichtungen höchstens noch auf
eine sinngemäße, mehr oder minder tief empfundene mündliche Wiedergabe
rechnen darf, um so bedeutsamer erscheinen für die Schule diejenigen Kunstzweige,
in denen der Schüler zu einer, wenn auch bescheidenen Selbstbetätigung
herangezogen werden kann: das Zeichnen und der Gesang.
Trotz der hohen Entwickelung der Instrumentalmusik hält die Schule dennoch
ausschließlich!) am Gesangunterrichte fest, und dies mit Recht; denn der
Gesang ist die ursprüngliche, die dem Menschen eigenste und treueste Musik,
sie ist die durch keine Einmischung eines fremden Werkzeuges zerstreute und
getrübte Äußerung des Lebensorganismus selbst (A. B. Marx in seiner Kompositionslehre).
Die menschliche Stimme, um mit Rich. Wagner zu reden, ist das
älteste, echteste und schönste Organ der Musik, das Organ, dem unsere Musik
allein ihr Dasein verdankt; die menschliche Stimme ist die praktische Grundlage
aller Musik und, soweit diese sich auch auf dem ursprünglichen Wege
entwickeln möge, immer wird doch die kühnste Kombination des Tonsatzes
oder der gewagteste Vortrag des Instrumentvirtuosen an dem rein Gesanglichen
schließlich das Gesetz für seine Leistungen wieder aufzufinden haben.
1) Kleine Ausnahmen kommen hier nicht in Betracht.