Full text : Rosenheimer Anzeiger. 61. Jahrngang (61)

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Betrachtet  man  die  wirtschaftliche  Entwicklung  der  Menschheit,
so  wird  man  finden,  daß  auf  der  untersten  Stufe  einfach  nur  ein  einfacher
  Kommunismus,  d.  h.  lediglich  ein  gesellschaftlicher  Kampf  ums
Dasein  stattgefunden  hat.  Bei  der  geringsten  Gliederung  in  Klassen
hat  dieser  eine  fundamentale  Umänderung  erfahren  und  zwar  dadurch,
daß  die  Bevorzugten  ihre  Stellung  verteidigen  mußten,  und  daß  andere
danach  streben  konnten,  zu  den  Bevorzugten  zu  gehören.  Mit  anderen
Worten:  Neben  dem  gesellschaftlichen  Kampf  ums  Dasein  hat  innerhalb
der  Gesellschaft  selbst  ein  Kampf  um  das  gesellschaftliche  Dasein  stattgefunden.
  Dieser  Kampf  um  das  gesellschaftliche  Dasein  soll  im  Prinzip
ein  Kampf  ums  Bessersein  bedeuten.  Daß  er  dieses  nicht  immer  voll  und
ganz  ist,  sondern  daß  das  Bessersein  häufig  ein  Besserscheinen  ist,
das  liegt  nicht  an  der  Mangelhaftigkeit  des  Prinzips  in  seinen  Außerungen
  und  Folgerungen,  sondern  an  der  Unvollkommenheit  der
Menschen,  denen  es  noch  an  Einsicht  und  Erfahrung  fehlt,  das  für  sich
und  seine  Nachkommen  allein  Richtige  und  Zweckmäßige  zu  tun.

Der  Kampf  um  das  gesellschaftliche  Dasein  setzt  die  Ungleichheit
innerhalb  der  Gesellschaft  voraus.  Die  Ungleichheit  ist  aber  nicht  eine
solche  der  wirtschaftlichen  Stellung,  sondern  eine  solche  der  Köpfe,
d.  h.  eine  Ungleichheit  der  geistigen  Anlagen,  der  Bildung  und  des
Intellekts.  Die  korrespondierende  Ungleichheit  der  wirtschaftlichen
Stellung  ist  nur  die  Wirkung  der  geistigen  und  nicht  umgekehrt.

Faßt  man  die  Wirkung  ins  Auge,  die  die  geistige  und  wirtschaftliche
  Ungleichheit  mit  ihrem  Kampf  um  das  gesellschaftliche  Dasein  hervorbringt,
  so  läßt  sich  nicht  übersehen,  daß  diese  darin  besteht,  nicht  nur
seine  soziale  Stellung  zu  behaupten,  sondern  zu  verbessern.  Dieser  Kampf
veranlaßt  also  den  Menschen  nicht  durch  Zwang  und  bittere  Notwendigkeit,
  sondern  aus  sich  selbst  das  herauszuholen,  was  möglich  ist.  Die
Folge  davon  ist  der  riesige  Fortschritt,  dessen  sich  unser  Wirtschaftsleben
und  mit  ihm  unsere  Kultur  in  den  letzten  Jahrzehnten  zu  erfreuen  hatte.

Die  Ungleichheit  im  obigen  Sinne  ist  also  in  der  gegenwärtigen
Epoche  der  Menschheitsentwicklung  das  Fortschrittsprinzip  überhaupt.
Sie  erhält  eine  Zugkraft  im  Menschen  lebendig,  die  in  ihrer  Wirkung
von  einem  unermeßlichen  Wert  für  die  ganze  Menschheit  überhaupt  ist.
Aber  nicht  nur  in  den  unteren  Klassen,  wirkt  diese  Zugkraft,  daß  sie
wertvolle  Elemente  in  höhere  bringt,  sondern  auch  in  den  oberen,  die
ihre  Stellung  gegen  die  Anstürmenden  verteidigen  müssen.

Wenn  die  oberen  Klassen  auch  zum  Teil  mit  den  gegenwärtigen
Verhältnissen  zufrieden  sind  und  die  Meinung  vertreten,  sie  in  ihrer
geistigen  und  körperlichen  Verfassung  seien  der  Gipfelpunkt  der  menschlichen
  Entwicklung,  die  sie  nun  als  abgeschlossen  betrachten  und  die  sie
nun  mit  allen  politischen  Mitteln  in  ihrem  gegenwärtigen  Stadium