Volltext : Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten. 1867. (58)

5.  Der  Niedergang  unter  Friedrich  Wilhelm  II.  161

kaum  zu  widerstehen  vermocht;  aber  der  Befehlshaber  des  preußischen  Heeres,
Karl  Wilhelm  Ferdinand  von  Braunschweig,  ein  Neffe  des  berühmten
Siegers  bei  Minden  (S.  130),  war  für  ein  langsames,  bedächtiges  Vorgehen.
Dazu  erließ  er  ein  von  einem  Emigranten  abgefaßtes  Manifest  an  die  Franzosen,
  in  welchem  angedroht  wurde,  daß  jede  Stadt,  die  sich  widersetzen  werde,
zerstört  und  Paris  in  einen  Trümmerhaufen  verwandelt  werden  solle,  wenn
Ludwig  XVI.  ein  Haar  gekrümmt  würde.  Diese  leere  Drohung  verletzte  die
Franzosen  und  entflammte  nur  ihre  Begeisterung.

Die  Preußen  rückten  von  Koblenz  aus  langsam  gegen  die  Champagne
vor,  die  durch  den  schluchtenreichen  Argonnerwald  gedeckt  war.  Mit  Leichtigkeit
  wurden  die  Engpässe  desselben  genommen  und  Dumouriez  aus  seiner
Stellung  vertrieben;  den  König,  die  Offiziere  und  Gemeinen  verlangte  danach,
  die  unter  Kellermanns  Befehl  auf  den  Höbhen  stehenden  Franzosen
anzugreifen;  aber  der  Herzog  von  Braunschweig  begnügte  sich  mit  einer  zehntägigen
  nutzlosen  Kanonade  bei  Valmy.  Den  Franzosen  wuchs  der  Mut;
die  Preußen  aber  litten  sehr  unter  mangelhafter  Verpflegung,  furchtbare
Regengüsse  weichten  den  Boden  auf,  und  die  Ruhr  begann  ihre  Reihen  zu
lichten.  Nach  fruchtlosen  Verhandlungen  entschloß  man  sich  zur  Umkehr;  auf
fast  grundlosen  Wegen  und  in  fortwährendem  Regen  kehrte  das  Heer  mißmutig
  an  den  Rhein  zurück.  Dumouriez  warf  sich  jetzt  auf  die  Osterreicher
in  Belgien.  Eine  andere  französische  Armee  unter  Custine  bemächtigte  sich
des  von  den  Verbündeten  preisgegebenen  linken  Rheinufers.  Sie  rückte  in
Worms  und  Speier  ein  und  wurde  dort  wie  überall  von  dem  Volke  mit
Jubel  empfangen,  das  so  lange  von  seinen  weltlichen  und  geistlichen  Herren
gequält  worden  war.  Selbst  Mainz  öffnete  den  Franzosen  die  Thore  „und
pflanzte  mit  Lust  die  munteren  Bäume  der  Freiheit“.  Freilich  kühlten  die
schamlosen  Erpressungen  der  Befreier  rasch  die  Begeisterung,  und  die  Vorgänge
  in  Paris  öffneten  ihren  Freunden  die  Augen.  Ludwig  XVI.  wurde
zum  Tode  verurteilt  und  am  21.  Januar  1793  mittels  der  damals  erfundenen
Guillotine  öffentlich  enthauptet.  Im  Oktober  desselben  Jahres  fiel  auch  das
Haupt  der  Königin,  während  der  Kronprinz  bei  einem  Schuhmacher  in  Schmutz
und  Elend  umkam.  In  Frankreich  herrschte  der  Pöbel,  dem  nichts  mehr
heilig  war;  die  Kirchen  wurden  geplündert,  das  Christentum  abgeschafft.

Diese  Greuel  veranlaßten  England,  Holland,  Preußen,  ÖOsterreich,  das
deutsche  Reich,  Spanien,  Sardinien  und  Neapel,  1793  einen  Bund,  die
erste  Kvalition,  gegen  Frankreich  zu  schließen.  Katharina  II.  von  Rußland
  hielt  sich  fern,  um,  während  Westeuropa  in  Krieg  verwickelt  war,
desto  ungestörter  ihre  Vergrößerungsplänc  im  Osten  zu  verfolgen.  Deshalb
mußten  auch  Osterreich  und  Preußen  einen  Teil  ihres  Heeres  zurückbehalten.
Frankreich  war  um  diese  Zeit  in  blutige  Bürgerkriege  verwickelt,  dazu  waren
seine  Heere  den  Verbündeten  weder  an  Zahl  noch  an  Tüchtigkeit  gewachsen;
dennoch  ging  es  hauptsächlich  infolge  der  Uneinigkeit  und  Zaghaftigkeit  seiner
Gegner  siegreich  aus  dem  Kampfe  hervor.  Zwar  eroberten  die  Osterreicher
Belgien  und  die  Preußen  Mainz  zurück,  gewannen  auch  einzelne  Siege;  aber
diese  wurden  nicht  ausgenutzt.  Als  dann  Friedrich  Wilhelm  zu  seinem  Heere
in  Polen  eilte,  schwand  jede  Hoffnung  auf  ein  entschiedenes  Vorgehen  der

Hoffmeyer,  Unser  Preußen.  11