5. Der Niedergang unter Friedrich Wilhelm II. 161
kaum zu widerstehen vermocht; aber der Befehlshaber des preußischen Heeres,
Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig, ein Neffe des berühmten
Siegers bei Minden (S. 130), war für ein langsames, bedächtiges Vorgehen.
Dazu erließ er ein von einem Emigranten abgefaßtes Manifest an die Franzosen,
in welchem angedroht wurde, daß jede Stadt, die sich widersetzen werde,
zerstört und Paris in einen Trümmerhaufen verwandelt werden solle, wenn
Ludwig XVI. ein Haar gekrümmt würde. Diese leere Drohung verletzte die
Franzosen und entflammte nur ihre Begeisterung.
Die Preußen rückten von Koblenz aus langsam gegen die Champagne
vor, die durch den schluchtenreichen Argonnerwald gedeckt war. Mit Leichtigkeit
wurden die Engpässe desselben genommen und Dumouriez aus seiner
Stellung vertrieben; den König, die Offiziere und Gemeinen verlangte danach,
die unter Kellermanns Befehl auf den Höbhen stehenden Franzosen
anzugreifen; aber der Herzog von Braunschweig begnügte sich mit einer zehntägigen
nutzlosen Kanonade bei Valmy. Den Franzosen wuchs der Mut;
die Preußen aber litten sehr unter mangelhafter Verpflegung, furchtbare
Regengüsse weichten den Boden auf, und die Ruhr begann ihre Reihen zu
lichten. Nach fruchtlosen Verhandlungen entschloß man sich zur Umkehr; auf
fast grundlosen Wegen und in fortwährendem Regen kehrte das Heer mißmutig
an den Rhein zurück. Dumouriez warf sich jetzt auf die Osterreicher
in Belgien. Eine andere französische Armee unter Custine bemächtigte sich
des von den Verbündeten preisgegebenen linken Rheinufers. Sie rückte in
Worms und Speier ein und wurde dort wie überall von dem Volke mit
Jubel empfangen, das so lange von seinen weltlichen und geistlichen Herren
gequält worden war. Selbst Mainz öffnete den Franzosen die Thore „und
pflanzte mit Lust die munteren Bäume der Freiheit“. Freilich kühlten die
schamlosen Erpressungen der Befreier rasch die Begeisterung, und die Vorgänge
in Paris öffneten ihren Freunden die Augen. Ludwig XVI. wurde
zum Tode verurteilt und am 21. Januar 1793 mittels der damals erfundenen
Guillotine öffentlich enthauptet. Im Oktober desselben Jahres fiel auch das
Haupt der Königin, während der Kronprinz bei einem Schuhmacher in Schmutz
und Elend umkam. In Frankreich herrschte der Pöbel, dem nichts mehr
heilig war; die Kirchen wurden geplündert, das Christentum abgeschafft.
Diese Greuel veranlaßten England, Holland, Preußen, ÖOsterreich, das
deutsche Reich, Spanien, Sardinien und Neapel, 1793 einen Bund, die
erste Kvalition, gegen Frankreich zu schließen. Katharina II. von Rußland
hielt sich fern, um, während Westeuropa in Krieg verwickelt war,
desto ungestörter ihre Vergrößerungsplänc im Osten zu verfolgen. Deshalb
mußten auch Osterreich und Preußen einen Teil ihres Heeres zurückbehalten.
Frankreich war um diese Zeit in blutige Bürgerkriege verwickelt, dazu waren
seine Heere den Verbündeten weder an Zahl noch an Tüchtigkeit gewachsen;
dennoch ging es hauptsächlich infolge der Uneinigkeit und Zaghaftigkeit seiner
Gegner siegreich aus dem Kampfe hervor. Zwar eroberten die Osterreicher
Belgien und die Preußen Mainz zurück, gewannen auch einzelne Siege; aber
diese wurden nicht ausgenutzt. Als dann Friedrich Wilhelm zu seinem Heere
in Polen eilte, schwand jede Hoffnung auf ein entschiedenes Vorgehen der
Hoffmeyer, Unser Preußen. 11