Full text : Unser Preußen.

4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  115

ohne  Blutvergießen.  Schon  der  Große  Kurfürst  hatte  Emden  besetzt  und
Friedrich  III.  vom  Kaiser  die  Anwartschaft  auf  Östfriesland  erhalten
(S.  76);  als  nun  das  ostfriesische  Fürstenhaus  ausstarb,  ließ  Friedrich  das
Land  unter  Widerspruch  Hannovers,  aber  unter  Zustimmung  des  von  ihm
unterstützten  Kaisers  Karl  VII.  1744  rasch  besetzen.

Der  Friede  zu  Breslau  war  für  Frankreich  und  Bayern  ein  schwerer
Schlag.  Maria  Theresia  hatte  noch  England-Hannover  und  Sachsen-Polen
als  Bundesgenossen  gewonnen;  sie  eroberte  Bayern,  drängte  ihre  Gegner
über  den  Rhein  und  nahm  den  Kaiser  in  Frankfurt  sogar  gefangen.  Friedrich
zweifelte  nicht,  daß  sie  nach  Beendigung  des  Bayrischen  Erbfolgekrieges  alles
aufbieten  werde,  um  Schlesien  zurückzuerobern.  Deshalb  war  er  auf  seiner
Hut,  übte  unablässig  sein  Heer  und  vergrößerte  es  auf  140000  Mann.
Dann  schloß  er  insgeheim  einen  Vertrag  mit  Frankreich,  sowie  ein  Schutzund
  Trutzbündnis  mit  Karl  VII.,  Kurpfalz  und  Hessen-Kassel,  fiel  1744
rasch  in  Böhmen  ein  und  eroberte  Prag.  Damit  war  der  zweite  Schlesische
  Krieg  (1744  bis  1745)  eröffnet.  Aber  die  von  Frankreich  erwartete
Hilfe  blieb  aus;  das  preußische  Heer  hatte  unter  der  Feindseligkeit  der
böhmischen  Bevölkerung  sowie  durch  die  Ungunst  des  Wetters  und  den
Mangel  an  Lebensmitteln  schwer  zu  leiden  und  wurde  dazu  noch  von  einem
sächsischen  und  einem  österreichischen  Heere  bedrängt.  Mit  schwerem  Herzen
entschloß  sich  daher  der  König  trotz  der  Winterkälte  zum  Rückzuge  nach
Schlesien;  der  Feldzug  war  mißglückt,  scharenweise  liefen  die  preußischen
Söldner  davon.  Maria  Theresia  forderte  schon  die  Schlesier  zum  Abfall
von  Preußen  auf.  Im  Jannuar  1745  starb  Karl  VII.,  und  sein  Sohn  Max
Joseph  vertrug  sich  mit  Maria  Theresia  dahin,  daß  er  allen  Ansprüchen  auf
das  habsburgische  Erbe  entsagte  und  dafür  Bayern  zurückerhielt.  Maria
Theresia  einigte  sich  bereits  mit  August  III.  von  Sachsen  und  Polen  darüber,
wie  sie  sich  mit  preußischen  Provinzen  bereichern  wollten.

Aber  Friedrich  verzagte  nicht,  obwohl  er  schon  damals  wegen  Geldmangels
  silberne  Geräte  zu  Münzen  ausprägen  lassen  mußte.  Er  schrieb:
„Es  ist  keiner  unter  uns,  der  sich  nicht  lieber  das  Rückgrat  brechen  ließe,
als  einen  Fuß  breit  Landes  abzutreten.“  Die  Osterreicher  überschritten  unter
Karl  von  Lothringen  das  Riesengebirge  in  der  Richtung  auf  Schweidnitz.
Der  König  lagerte  mit  der  Hauptmacht  bei  dem  Kloster  Kamenz,  wo  er  eines
Tages  umherschwärmenden  Kroaten  fast  in  die  Hände  gefallen  wäre;  der  Abt
rettete  ihn  nur  dadurch,  daß  er  ihn  im  Mönchsgewand  mit  in  die  Kirche
nahm.  Um  ein  unter  dem  Markgrafen  Karl  von  Schwedt  in  Oberschlesien
stehendes,  durch  die  Osterreicher  vom  Hauptheer  abgeschnittenes  Korps  an
sich  zu  ziehen,  sandte  der  König  den  Generalmajor  von  Zieten  mit
fünfhundert  Husaren  ab.  Wegen  der  Ahrnlichkeit  ihrer  Uniform  mit  der
der  Osterreicher  gelangten  sie  fast  unangefochten  in  die  Nähe  des  Markgrafen;
als  sie  dort  von  einer  Ubermacht  angegriffen  wurden,  kamen  ihnen  die
Kameraden  zu  Hilfe,  und  wohlbehalten  trafen  der  Markgraf  und  Zieten  beim
Könige  ein.  Jetzt  ging  dieser  dem  Feinde  entgegen  und  bezog  zwischen
Striegan  und  Jauernik  ein  durch  Höhen  gedecktes  Lager.  Sorglos  kamen
die  Osterreicher  und  Sachsen  aus  den  Gebirgspässen  und  lagerten  sich  zwischen

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