Full text : Unser Preußen.

154  Zweiter  Zeitraum.

zuchtlosen,  armen,  aber  übermütigen  Adel  und  einem  vertierten  Bauernstande.
Auf  1  ckm  wohnten  nur  15  Menschen,  drei  Fünftel  der  Bevölkerung
schmachteten  in  drückender  Leibeigenschaft.  Außer  den  Juden,  die  den  Handel
und  das  Handwerk  in  Händen  hatten,  gab  es  kaum  Bürger.  Im  ganzen
Lande  war  weder  Post  noch  Apotheke;  auch  das  Spinnrad  war  unbekannt.
Selbst  viele  Adlige  konnten  weder  lesen  noch  schreiben;  Männer  und  Frauen
erlagen  dem  Branntwein.  Friedrich  sandte  in  diese  Wildnis  seine  zuverlässigsten
  und  tüchtigsten  Beamten,  allein  187  Lehrer.  Das  Land  wurde  in
Kreise  geteilt;  jeder  Kreis  erhielt  einen  Landrat,  Gericht,  Post  und  Sanitätspolizei;
  Kirchen=  und  Schulgemeinden  wurden  ins  Leben  gerufen,  die  Jesuiten-=kollegien
  in  Gymnasien  umgewandelt;  die  Evangelischen  erhielten  Glaubensfreiheit.
  Die  Leibeigenschaft  hob  der  König  auf;  an  die  Stelle  der  bisherigen
  Willkür  des  Adels  trat  das  Gesetz,  und  durch  Einführung  des  Schulzwanges
  wurde  allmählich  auch  das  niedere  Volk  der  Stumpfbeit  entrissen.
Aber  dauernd  konnte  nur  durch  umfassende  Ansiedelung  deutscher  Einwanderer
geholfen  werden.  Den  Anfang  machten  die  Tausende  fremder  Arbeiter,  welche
an  dem  Bromberger  Kanal  arbeiteten  (S.  144).  Im  ganzen  siedelte  der
König  hier  11.000  Deutsche  an;  die  meisten  derselben  waren  Württemberger.
Unablässig  trieb  der  König,  lobte  und  schalt;  wie  eifrig  seine  Beamten  auch
waren,  sie  thaten  ihm  selten  genug.  Aber  auch  an  Geld  ließ  er's  nicht
fehlen;  im  ganzen  hat  er  für  Westpreußen  über  20  Millionen  Mark  aufgewandt.
  Dafür  hatte  er  aber  auch  die  Freude,  daß  das  Land  allmählich
sich  erholte  und  deutsches  Wesen  in  demselben  die  Oberhand  gewann.

Die  rastlose  Thätigkeit  Friedrichs  des  Großen  reizte  andere  deutsche
Fürsten  zur  Nacheiferung  an,  besonders  Joseph  II.  Nachdem  er  vergeblich
versucht  hatte,  die  verrotteten  Zustände  des  Reichs  zu  bessern,  richtete  er  seinen
Eifer  auf  die  Erweiterung  der  österreichischen  Hausmacht,  um  einen  Ersatz
für  Schlesien  zu  gewinnen.  Im  Jahre  1777  starb  die  Bayrische  Linie  des
Hauses  Wittelsbach  aus,  und  es  mußte  Karl  Theodor  aus  dem  Hause  Pfalz-Sulzbach,
  Landesherr  von  Pfalz,  Jülich  und  Berg,  folgen,  der  aber  keine
erbberechtigten  Nachkommen  hatte  und  deshalb  nur  geringen  Wert  darauf
legte,  Bayern  zu  erlangen.  Joseph  II.  erhob  nun  ganz  unberechtigte  Erbansprüche
  auf  Bayern,  besetzte  das  Land  und  bewog  den  verschwenderischen
Karl  Theodor  leicht,  ihm  gegen  eine  große  Geldentschädigung  zwei  Dritteile
desselben  abzutreten.  Frankreichs  Zustimmung  wollte  man  durch  die  Abtretung
  Luxemburgs  gewinnen.

Da  protestierte  der  Erbe  Karl  Theodors,  Karl  von  Pfalz-Zweibrücken,
auf  Friedrichs  Veranlassung  gegen  diesen  Handel  und  rief  Friedrich  um  Hilfe
an;  als  Joseph  den  Raub  noch  nicht  fahren  lassen  wollte,  zog  der  schon
alternde  König  noch  einmal  das  Schwert  und  fiel  mit  zwei  Heeren  in
Böhmen  ein.  Damit  begann  der  Bayrische  Erbfolgekrieg  (1778).  Aber
weder  Friedrich  noch  Maria  Theresia  hatten  rechte  Lust  zum  Kriege;  deshalb
schlossen  sie,  ohne  daß  es  zu  großen  Schlachten  kam,  schon  im  folgenden
Jahre  den  Frieden  zu  Teschen,  in  welchem  nur  das  Innviertel  an  Österreich
  abgetreten  wurde.  Zwar  hatte  dieser  „Kartoffelkrieg"  Preußen  nicht
unbedentende  Opfer  an  Geld  und  wegen  mangelhafter  Verpflegung  auch  an