212 Zweiter Zeitraum.
Kanonen zu erliegen, schon befiehlt Napoleon, in Leipzig seinen Sieg durch
Glockenläuten verkünden zu lassen, und sendet unter Murat 9000 Reiter, die
auch den letzten Widerstand über den Haufen werfen sollen; da treffen in
der äußersten Not österreichische Reserven ein, der Reiterangriff erlahmt, und
die Verbündeten besetzen die eben verlorenen Dörfer wieder. Daß Napoleon
den erhofften Sieg nicht errungen, war Blüchers Verdienst, der das Marmontsche
Korps bei Möckern festgehalten hatte. Auf dem Marsche nach Leipzig
hatten Yorksche Truppen Marmont in Möckern angetroffen, das in eine kleine
Festung umgeschaffen war. Bei Beginn des Kampfes redete Blücher seine
Truppen an: „Na, Kinder, heute haut mal auf gut preußisch! Das sage ich
euch: wer heute abend nicht tot oder vor Freuden duselig ist, der hat sich
geschlagen wie ein infamer Hundsfott!“ VNork erhielt den Befehl zum Angriff
beim Frühstück. Ernst erhob er sein Glas und sprach: „Den Anfang, Mitt'
und Ende, Herr Gott, zum Besten wende!“ — Sechsmal erstürmten die
Preußen das Dorf, und sechsmal verloren sie es wieder; da gegen Abend
gelang es ihnen, den Kampfplatz zu behaupten. Wie einst bei Leuthen,
erklang auch hier bei den Wachtfeuern durch die stille Nacht das „Nun
danket alle Gott!“; aber fast die Hälfte des Korps war gefallen. Wäre
Bernadotte rechtzeitig eingetroffen, so wäre wohl schon am 16. Leipzig genommen
und weiteres Blutvergießen verhütet worden.
Am 17. Oktober, einem Sonntag, griff Napoleon nicht wieder an, sondern
knüpfte durch den gefangenen General Merveldt, wenn auch vergebens, Unterhandlungen
an und ließ dadurch den Verbündeten Zeit, alle ihre Truppen
heranzuziehen, so daß sie ihm am 18. Oktober, dem entscheidenden Tage der
Völkerschlacht bei Leipzig, bedeutend überlegen waren (mit 225000 gegen
160000 Mann). Er hatte seine Truppen näher an Leipzig herangezogen,
den Mittelpunkt seiner Stellung, Probstheida, verteidigte er selber mit seinen
Garden. Er stand neben einer zerschossenen Tabaksmühle; ihm gegenüber
hielten auf einem Hügel die drei verbündeten Monarchen. Die Verbündeten
eröffneten den Angriff auf allen Seiten, am schärfsten wurde aber um Probstheida
gestritten, das Napoleon ebenfalls in eine kleine Festung umgeschaffen
hatte. Sechsmal schlug er den Angriff ab, die Entscheidung mußte an anderer
Stelle, im Norden, herbeigeführt werden. Bernadotte war noch immer nicht
auf dem Schlachtfelde eingetroffen; von den Verbündeten endlich gedrängt,
verlangte er von der kleinen schlesischen Armee noch 30000 Mann Verstärkung.
Da gab Blücher in edler Selbstverleugnung das verlangte Korps
hin und verzichtete damit auf den Ruhm eines neuen Sieges. Erst nachmittags
griff die Nordarmee mit in den Kampf ein, Bülow führte das
Vordertreffen. Nun war der Ausgang nicht mehr zweifelhaft. Schon gingen
Sachsen und Württemberger zu den Verbündeten über und wurden mit Freuden
aufgenommen; nur den württembergischen General Normann, der jüngst bei
Kitzen auf Napoleons Befehl die Lützower überfallen hatte, wies Gneisenau
zurück. Als es zu dämmern begann, waren die Verbündeten im Osten und
Norden bis nahe an die Thore Leipzigs vorgedrungen; da befahl Napoleon
den Rückzug seines ganzen Heeres, und nun drängte sich alles nach der Stadt
und durch die engen Gassen nach der einzigen noch freien Straße über Lindenau.