Full text : Unser Preußen.

7.  Erhebung  Preußens  zu  einem  Verfassungsstaate  unter  Friedrich  Wilhelm  IV.  245

Unterdes  war  auch  in  den  außerpreußischen  Ländern  Deutschlands  die
Revolution  unterdrückt  worden,  zum  Teil  mit  preußischer  Hilfe;  dem  Könige
von  Sachsen  eroberte  preußische  Garde  seine  Hauptstadt  zurück.  Nach  dem
Scheitern  der  Frankfurter  Nationalversammlung  hatten  sich  viele  Aufrührer
in  Baden  und  in  der  Pfalz  gesammelt,  und  ein  Teil  der  badischen  Truppen
war  zu  ihnen  übergegangen.  Deshalb  baten  die  badische  und  die  bayrische
Regierung  den  König  von  Preußen  um  Hilfe,  und  dieser  sandte  zwei  Armeekorps
  unter  dem  Oberbefehl  seines  Bruders  Wilhelm,  der  die  Aufständischen
bald  zu  Paaren  trieb.  Sie  räumten  die  Pfalz;  in  dem  Gefecht  bei  Waghäusel,
  in  welchem  des  Königs  Neffe  Prinz  Friedrich  Karl  seine  ersten
Kriegslorbeeren  pflückte,  wurden  sie  abermals  besiegt  und  zerstreuten  sich.
Damit  war  auch  in  Süddeutschland  Nuhe  und  Ordnung  wieder  hergestellt.

Die  Pläne  Friedrich  Wilhelms  IV.,  die  deutschen  Staaten  mit  Ausnahme
OSsterreichs  unter  Preußens  Führung  zu  einigen,  scheiterten.  Zwar  schloß  er
mit  den  Königen  von  Sachsen  und  Hannover  den  „Dreikönigsbund“,  der
sich  durch  Hinzutritt  einiger  kleinerer  Staaten  zu  der  „Union“  erweiterte;
aber  Bayern  und  Wirttemberg  wollten  sich  nicht  unter  Preußens  Führung
stellen  und  fanden  einen  Halt  an  Osterreich,  das  sich  jetzt  wieder  stark  fühlte,
nachdem  es  mit  russischer  Hilfe  auch  in  Ungarn  die  Revolution  unterdrückt
hatte.  Zunächst  zog  Österreich  die  beiden  süddeutschen  Königreiche  an  sich,
mit  des  Zaren  Hilfe  wurden  dann  auch  Sachsen  und  Hannover  der  Union
wieder  abtrünnig  gemacht.  Wohl  berief  Friedrich  Wilhelm  ein  aus  Abgeordneten
  der  Unionsstaaten  gebildetes  Parlament  nach  Erfurt,  das  die  von
Preußen  vorgeschlagene  Reichsverfassung  auch  annahm;  da  er  aber  keinen
Zwang  anwenden  wollte,  verringerte  sich  die  Zahl  der  Bundesglieder  immer
mehr,  so  daß  Osterreich  im  Bunde  mit  den  deutschen  Mittelstaaten  es  unternehmen
  konnte,  im  Mai  1850  den  verhaßten  Bundestag  in  Frankfurt  wieder
ins  Leben  zu  rufen.  So  war  Deutschland  in  zwei  Lager  gespalten.

Auch  Kurhessen  gehörte  der  Union  an,  und  seine  Verfassung  war  von
derselben  gewährleistet  worden.  Als  der  Kurfürst  nun  unter  dem  Einfluß
seines  Ministers  Hassenpflug  die  Union  verließ  und  wiederholt  die  Verfassung
verletzte,  verweigerten  ihm  die  Beamten,  Offiziere,  Städter  und  Landbewohner
den  Gehorsam;  deshalb  flüchtete  er  mit  seinem  Minister  nach  Frankfurt  und
rief  den  Deutschen  Bund  um  Hilfe  an,  der  sie  auch  bereitwilligst  gewährte.
In  dessen  Auftrage  rückten  bayrische  Truppen  in  Kurhessen  ein,  und  da  man
Preußens  Einschreiten  fürchtete,  so  rüsteten  auch  sterreich,  Sachsen  und  Württemberg.
  Preußen  fühlte  sich  schon  als  Haupt  der  Union  zum  Schutze  der  hessischen
Verfassung  verpflichtet  und  durfte  auch  deshalb  eine  Besetzung  Hessens  durch
fremde  Truppen  nicht  dulden,  weil  dadurch  die  Verbindung  zwischen  seinen
östlichen  und  seinen  westlichen  Provinzen  zerrissen  worden  wäre.  So  schien
der  Krieg  unvermeidlich.  Da  trat  auch  noch  Zar  Nikolaus  I.  auf  Österreichs
Seite,  und  Preußen  war  damit  vor  die  Entscheidung  gestellt,  zurückzuweichen,
oder  den  Kampf  mit  Osterreich,  Rußland  und  vielleicht  auch  England  aufzunehmen.
  Hierzu  war  es  bei  seiner  damaligen  Heeresverfassung  nicht  imstande.
  Vergebens  sandte  der  König  seinen  Minister  Grafen  Brandenburg
nach  Warschau  zum  Zaren,  um  diesen  für  die  preußischen  Bestrebungen  in