Volltext : Unser Preußen.

30  Erster  Zeitraum.

Strafen,  selbst  mit  Einmauern,  wofern  sie  nicht  von  ihrem  Irrtume  abließe.
Deshalb  floh  sie  zu  ihrem  Oheim,  dem  Kurfürsten  Johann  dem  Beständigen
von  Sachsen,  der  ihr  ein  Schloß  in  der  Nähe  Wittenbergs  anwies,  wo  sie,
in  regem  Verkehr  mit  Luther,  ungestört  ihrem  evangelischen  Glauben  leben
durfte.  Erst  lange  nach  dem  Tode  ihres  Gemahls,  der  vergeblich  ihre  Auslieferung
  verlangt  hatte,  kehrte  sie  (1545)  nach  Brandenburg  zurück.
Joachim  II.  Hektor  (1535—1571)  mußte  nach  der  Bestimmung  seines
Vaters  seinem  Bruder  Johann  die  Neumark  und  Kottbus  überlassen.  Beide
Brüder  hatten  eine  sehr  sorgfältige  Erziehung  empfangen;  besonders  erregte
Joachims  Bildung  die  Bewunderung  seiner  Zeitgenossen.  Dabei  war  er
wohlwollend  und  freigebig,  ein  Freund  des  Vergnügens  und  äußeren  Glanzes.
Johann  von  Küstrin  dagegen  war  streng,  genau  und  sehr  sparsam.  Als
einst  ein  Rat  am  Wochentage  in  neumodischen  seidenen  Strümpfen  vor
ihm  erschien,  sagte  Johann:  „Ei,  ei,  Herr  Rat,  habe  auch  solche  Dinger,
trage  sie  aber  nur  sonntags.“  Im  einfachen  Rock  und  meistens  zu  Juß
war  er  fast  immer  unterwegs,  sah  alles  selber  nach,  baute  Landstraßen  und
Brücken,  Wasserleitungen  sowie  die  Festungen  Küstrin  und  Peiz,  kaufte  noch
zwei  neue  Herrschaften  —  Storkow  und  Beeskow  —  und  hinterließ  trotzdem
etwa  14  Millionen  Mark.  Wegen  seiner  vielen  wohlthätigen  Einrichtungen
nannte  man  ihn  wohl  Vater  der  Armen,  wegen  seiner  Sparsamkeit  Johann
Okonomus.  In  der  Sorge  für  die  Armen  wetteiferte  seine  Gemahlin  mit
ihm;  sie  hat  in  Küstrin  die  erste  Apotheke  der  Neumark  errichtet,  der  sie  die
Verpflichtung  auferlegte,  den  Armen  Arzeneien  unentgeltlich  zu  liefern.
Beiden  Brüdern  hatte  der  Vater  vor  seinem  Abscheiden  geboten,  der
katholischen  Lehre  treu  zu  bleiben,  aber  beide  waren  schon  damals,  wie  ihre
Mutter,  evangelisch  gesinnt.  Johann  führte  mit  Luthers  Beirat  die  Resormation
  schon  1537  ein  und  trat  dem  Schmalkaldischen  Bunde  bei.  Joachim
zögerte  noch.  Die  Verwandten  seiner  zweiten  Gemahlin,  Hedwig  von  Polen,
waren  streng  katholisch;  er  aber  hoffte,  von  Polen  die  Mitbelehnung  im  Herzogtum
  Preußen  zu  erlangen.  Auch  suchte  er  noch  zwischen  den  beiden
kirchlichen  Parteien  zu  vermitteln  und  erwartete  eine  Beilegung  der  religiösen
Streitigkeiten  durch  ein  Konzil.  Aber  in  der  Mark  „dürstete  das  Volk
wunderbar  nach  der  neuen  Lehre“,  die  bei  den  Städtern  schon  weite  Verbreitung
  gefunden  hatte;  auch  viele  Prediger  und  vor  allem  der  Bischof
von  Brandenburg,  Matthias  von  Jagow,  waren  ihr  zugethan.  Deshalb
führte  Joachim  II.  gleichfalls  die  Reformation  in  Brandenburg  ein,
indem  er  (1.  Nov.  1539)  in  Spandau  zuerst  eine  lutherische  Predigt  hörte
und  dann  nebst  seiner  Familie,  vielen  Hof=  und  Staatsbeamten,  Edelleuten
und  allen,  welche  sonst  Verlangen  danach  trugen,  das  heilige  Abendmahl  in
beiderlei  Gestalt  aus  der  Hand  jenes  Bischofs  nahm.  Zugleich  erließ  er  eine
Verordnung,  in  welcher  er  den  Gemeinden  anheimgab,  ihren  Gottesdienst
gleichfalls  nach  evangelischer  Weise  einzurichten.  Der  größte  Teil  des  Adels
und  die  meisten  Städte  machten  sogleich  davon  Gebrauch.  Nur  wenige  hielten
am  alten  Glauben  fest.  Viele  Mönche  der  alsbald  aufgehobenen  Klöster
gingen  heimlich  davon  und  nahmen  an  Klostergut,  soviel  sie  vermochten;  die,
welche  in  denselben  zurückblieben,  erhielten  dort  ihren  Unterhalt  bis  an  ihr